(Hot)spots konstruieren & konsumieren

Ein Teil der touristischen Erfahrung besteht darin, eine Reihe von unterschiedlichen Szenen, Landschaften oder Stadtbildern zu betrachten, die nicht alltäglich sind. In touristischen Destinationen tragen viele professionelle Experten dazu bei, den eigenen Blick als Tourist zu konstruieren und zu entwickeln. Je nach Suchprofil wird er mitgestaltet. Durch (teils bewusst engagierten) Vertreter:innen der sozialen Medien (Influencer:innen) und von durch KI unterlaufenen Algorithmen.


Pop up

In der touristischen Erfahrung bezieht sich das Sehen auch auf „diskursiven Bestimmungen“:

How we are able to see, allowed or made to see, and how we see this seeing or the unseen herein.


Hall Foster, Vision and Visuality, Seattle, WA: Bay Press Seattle, 1988

 

image-21.png

Das Chessiloch war ein Hotspot
 

Carolina: Ein gutes Beispiel. Das Chessiloch Flühli. Es war ein Hotspot. Vor allem als die neue Hängebrücke gebaut war. 

Und wir hatten das natürlich auf allen Kanälen auf Biegen und Brechen gepostet. Von Instagram über Facebook über Twitter. Einfach alles. Und das hat dann fast ein bisschen einen Hype ausgelöst.

Wir mussten dann sage, das ist nicht der richtige Weg. Also wir verkaufen das gerne. Logisch. Dafür wurde es gemachtund es soll ja auch eine Aufwertung sein und eine Wertschöpfung generieren. 

Aber es muss in einem verträglichen Mass sein. Und darauf sind wir sehr stark mit dem Bildmaterial zurück gefahren. Und subito hat es gestoppt.

Und diese Woche, das fand ich ganz spannend, habe ich einen Bericht vom Öschinensee gesehen. Und ich dachte, o.k., das würde ich glaub nicht so machen. Trotz allem. Und trotz allem Schönen. 

Personen kommen genauso. Sie orientieren sich anders, vertiefen sich anders in der Materie, als wenn sie sehen: "Ah, hier ist es schön, da gehen wir hin."

Deshalb bin ich mehr auf dieser Schiene, obwohl das nicht unbedingt einer Touristikerin entspricht, das bin ich mir bewusst. Aber ich finde, es muss alles ein gesundes Mass haben und eine Ausgewogenheit.

 

Landscape Dialogue #17 - Transkript
In der Hotellobby Bergwelten Salwideli im Entlebuch mit Carolina Rüegg (Pächterin Salwideli, Präsidentin "Freunde der Biosphäre Entlebuch", früher Tourismusdirektorin Sörenberg), Juni 2024


Beginn eines Dialogs mit KI...

Wenn gemäss John Urry in The Tourist Gaze 3.0. das Sehen als natürlich dargestellt wird, naturalisiert dies seine soziale und historische Natur und die Machtverhältnisse des Sehens. Wie die Sprache sind auch die Augen soziokulturell geprägt und es gibt verschiedene ”Arten des Sehens”.

We never look just at one thing; we are always looking at the relation between things and ourselves.

John Berger, Ways of Seeing. Harmondsworth: Penguin, 1972.

 

Auch in der touristischen Bewegung betrachten Reisende die Welt durch einen bestimmten Filter von Ideen, Fähigkeiten, Wünschen und Erwartungen, der durch verschiedene Faktoren geprägt ist.

...eine von KI generierte Antwort.


Martin: Was genau beim Gast passieren muss, weiss ich nicht. Bei Reisegruppen sowieso. Diese Personen sind anders, weder vielleicht wir, die wir hier stehen. Aber einfach so: 

I did it, I did it, I did it. Foto. Nächstes. Das ist doch ein Riesenstress.

Für mich unvorstellbar.
 
Frédéric: Sie sind gar nicht an dem Ort.
 
Martin: Nein, sie sind nicht dort.

Sie sind bereits wieder am nächsten Ort.

In einer durchgetakteten Timetable. Es ist wie wenn man von einer Tour zurück kommt. Man hatte ein Supererlebnis. Man hat viel erlebt. Ein super Sonnenaufgang. Man hat etwas gekämpft, um das Ziel zu erreichen. Es ist ja auch immer noch ein bisschen Sport in der Natur. In meinem Bereich. Mit dem Bergsteigen. Aber bald ist es schon wieder weit weg. Und das musste ich auch etwas lernen. Nicht zurück bei der Hütte angelangt gleich wieder weiterzugehen, sondern vielleicht sogar dem Gast zu empfehlen: 

Hey, bleib doch nochmals eine Nacht auf der Hütte, nimm dir diese Zeit!

Dann kannst du dieses Erlebnis, das wir auf diesem Berg gemacht haben, nochmals richtig gut verarbeiten. Und dafür hatte ich schon richtig gute Feedback bekommen. Hey, mega, das hat es genau noch ausgemacht.
 

Landscape Dialogue #16 - Transkript
Moorweg auf dem Sörenberg mit Martin Vogel (Bergführer, Bereichsleiter Bergbahn Sörenberg), Juni 2024

Welches Foto hast du kürzlich generiert, das ähnlich bereits in anderen Alben klebt?

Gazing at particular sights is conditioned by personal experiences and memories and framed by rules and styles, as well as by circulating images and texts of this and other places.
 

Such 'frames' are critical resources, techniques, cultural lenses that potentially enable tourists to see the physical forms and material spaces before their eyes as interesting, good or beautiful. They are not the property of mere sight. And without these lenses the beautiful order found in nature, or the built world would be very different.


Urry, John, and Jonas Larsen. The Tourist Gaze 3.0. [Third edition]. London: Sage, 2011. Print.

Denise: Das was ich von unseren Gästen immer wiederrückgemeldet bekomme ist, dass sie hier einfach sitzen und einfach sind. Klar, man kann hier auch ein Buch lesen. Das ist nicht verboten. [Kuhglockengeläut, Vogelgezwitscher] Da wo der Zaun ist kommen jetzt dann die zwei Rinder des Nachbars, die sie jeweils im Sommer hier haben. Oder ihre Esel. Es ist jeweils ein Spektakel. 

Ein unaufgeregtes Spektakel.

 Es hat… Es zieht. Es zieht die Personen echt an.
 

Landscape Dialogue #14 - Transkript
Naturgarten eines Ferienhauses im Entlebuch mit Denise Baumann (Managerin des Ferienhauses), Juni 2024

Frédéric: Wir stellen jeweils Fragen zum Verlust. Was geht verloren? Wenn alles nur noch durch den Screen erlebt wird -  Social Media. Wenn Posts produziert werden müssen. Und es ist wahrscheinlich schon die Aufmerksamkeit.

 

Martin: 

Das ist ja oft auch noch mit Stress verbunden. Was erzähle ich den anderen, was ich heute erlebt habe? Welches Bild? Welche Geschichte? Welcher Aufhänger?

Ich bin allerdings nicht der «Socialmediamensch». Manchmal poste ich ein gutes Foto. Das ist auch Marketing für mich als Bergführer. Oder manchmal im Winter: Hey, hier oben ist schönes Wetter und es liegt Schnee, während dort unten Nebel liegt. Kommt doch hierher. Also mehr zum ‘Zeukeln’. Aber es ist nicht mein Stress.

 

Frédéric: Ja, aber offensichtlich gibt es ganz viele Menschen, die auf der Suche nach dem Erleben über den Screen sind, auch nach dem Spektakulären für den Screen. Um Erfolg zu generieren. 

Man könnte ja auch posten: Ich bin jetzt gerade etwas am Sein.

 

Martin: 

Ja, aber das postest du wahrscheinlich dann nicht, denn sonst bist du ja nicht am Sein. Sonst bist du nicht ehrlich. Du bist ja nicht am Sein, wenn du am Posten bist. Am Sein bist du in einem anderen Moment.


Landscape Dialogue #16 - Transkript
Moorweg auf dem Sörenberg mit Martin Vogel (Bergführer, Bereichsleiter Bergbahn Sörenberg), Juni 2024