Phänomenologische Ansätze

Die Phänomenologie bietet ein riesiges Feld an Denkansätzen/-richtungen und obschon uns diese Perspektive seit Anfang des Projekts begleitet, befinden wir uns mitten auf der Wanderung und pflücken sozusagen diejenigen Ansätze, die unserer Recherche mit ‘praktischem Potenzial’ nützen könnten. Die Phänomenologie fordert uns dazu auf, zu den Dingen selbst zurückzukehren und die Phänomene so zu beschreiben, wie sie dem Bewusstsein erscheinen. Sie erforscht immer wieder das Geheimnis und die Ambiguität der Wahrnehmung. Die Phänomenologie ist als abstrakte Figur für uns manchmal schwierig zu fassen und in eine Praxis zu überführen. Doch sie ist von Anfang an genau in dieser Qualität Bestandteil unserer Methode und begleitet als theoretische Schwingung die Gestaltung der Landscape Dialogues. Diese grundlegende Auseinandersetzung mit einer vorbehaltslosen Wesensanalyse, um Selbstverständliches und Selbstevidenzen zu hinterfragen, bildet für unsere Recherche einen relevanten Aspekt, um eine Praxis zu entwickeln, die Verschiebungen in der Wahrnehmung nachzuspüren und Sprache oder Ausdrucksformen dafür zu finden. Phänomenologisches Vorgehen in der Anwendung für die Methode:

Phänomenologie

Facts & Figures
 
Phenomenon: An object or aspect known through the senses rather than by thought or intuition. It is commonly contrasted with the term ‘noumenon’ (from the Greek ‘nooumenon’: that wich is apprehended by thought' - itself derived from the Greek term 'nous', for 'mind')
 

Merriam-Webster's Collegiate Dicitionary, 10th ed., 2022

Zu den Dingen selbst zurückzukehren bedeutet, zu jener Welt zurückzukehren, die dem Wissen vorausgeht, von der das Wissen immer spricht und zu der jede wissenschaftliche Schematisierung eine abstrakte und abgeleitete Zeichensprache ist, so wie die Geographie zur Landschaft, in der wir zuvor gelernt haben, was ein Wald, eine Prärie oder ein Fluss ist.


Maurice Merleau-Ponty

Eine mögliche Definition, die wir für unsere experimentelle Recherche aufgenommen haben, um vom phänomenologischen Imperativ ‘Zu-den-Sachen-selbst’ zu einer Praxis zu gelangen, in der es weniger darum geht, was Phänomenologie ist, sondern wie sie ins Tun einfliessen kann, lautet:

‘Phänomene’ sind die Dinge in ihrem aktuellen und möglichen Erscheinen-für-uns, d.h. nicht die ‘Dinge’, wie sie an sich selbst sind. Zu-den-Sachen-selbst scheint irreführend, weil es nicht um die Bestimmung der Dinge unabhängig von der subjektiven Erfahrung geht, sondern wie sie uns erscheinen. Phänomenologie ist denn auch die Beschreibung dessen, wie uns etwas erscheint sowie der Versuch der Klärung dessen, warum etwas uns so und nicht anders erscheinen kann.’



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*Akribische, differenzierte Beschreibung: Die Arbeit an den Phänomenen soll weder vorherige Annahmen noch etablierte philosophische Methoden wie die der Deduktion, Argumentation, Dialektik oder kausalen Erklärung gelten lassen, sondern ist zuerst akribische Beschreibung dessen, was uns erscheint, und zwar nur in den Grenzen des jeweiligen Erscheinens. Das ‘Wie’ der Erscheinungsweise, die Wahrnehmung, bleibt unvollständig, weil nie alle Aspekte zugleich wahrgenommen werden können. Die Hinwendung zu dem, was uns erscheint, soll Ausgangspunkt sein. Dabei geht es um die grundsätzliche Befragung des Status von Sein oder von Objektivität.

Mit der Ausklammerung wird die ‘normale’ oder ‘natürliche’ Einstellung, mit der wir in die Welt hineinleben, aufgehoben, um die Aufmerksamkeit auf die Relation zwischen Mensch, als erfahrendem Subjekt, und den erscheinenden Dingen zu richten, um die Korrelation von Subjekt und Welt aufzuklären.

In der phänomenologischen Beschreibung nach Merleau-Ponty soll die objektive Welt nicht einfach vorausgesetzt werden, um diese zu formalisieren: «Es gilt zu beschreiben, nicht zu analysieren und zu erklären» Die Beschreibung soll eine Öffnung hin zu den Dingen und der Welt ermöglichen, bevor ihnen Interessen oder etablierte Konzepte übergestülpt werden.

Judith: Vielleicht eine kleine Anekdote. Kürzlich erzählte mir meine Schwester, wie sie einen achtjährigen Jungen einer Freundin bei sich zum Mittagessen auf Besuch hatte. Es gab Pizza. Die Pizza war eckig. Der Junge wollte kein einziges Stück davon. Er meinte: «Das ist keine Pizza. Eine Pizza ist rund.» Dinge können plötzlich fremd erscheinen, weil sie nicht die Linien aufweisen, die wir erwarten. Dort wäre es dann spannend, zu verweilen. Gegebene und uns fremd anmutende Umrisse und Linien zu befragen.
 
Frédéric: In der Entwicklung des Walking Dialogues hatten wir uns immer wieder mit den eigenen Praxen des In-Beziehung-Sein beschäftigt. Den eigenen Walks. Eine meiner Praxen ist das Schreiben. Ich setze mich nach oder während Spaziergängen oft hin und notiere. Dabei versuche ich, keine klare, eindeutige Intention zu verfolgen, sondern vorerst mich durchs Beschreiben einzulassen und die Vermittlung des Körpers zuzulassen.
Die Idee des phänomenologischen Ansatzes hilft, um über ein beschreibendes Schreiben zu tieferen Schichten vorzudringen. Das führt mich manchmal zu Überraschungen oder Verschiebungen in Bezug auf Landschaften und Verbindungen und zu einer stärkeren Bewusstwerdung. Es ist diese Erfahrung, welche Fragestellungen während den Landscape Dialogues beeinflussen.


Judith: Im Zeichenunterricht wurden wir gelegentlich aufgefordert, die Zeichnungen, an denen wir gerade arbeiteten auf den Kopf zu stellen, um uns dadurch von möglichen Voreinnahmen und Vorstellungen des Abzuzeichnenden zu lösen. Frisch sehen. Unvoreingenommen Striche und Linien setzen. Das Abzuzeichnende zu defamiliarisieren und so sein Wesen in diesem Moment neu zu entdecken. Neu auf uns zukommen zu lassen.
 

Auszüge aus Arbeitsgesprächen der Komplizenschaft.

Pop up
 
Phänomenologie als Kommentar/Kritik zur Ausrichtung der Disziplin der Psychologie:
Die frühe Ausrichtung der Disziplin der Psychologie veranlasste
Edmund Husserl dazu, die philosophische Disziplin der Phänomenologie ins Leben zu rufen. Die Phänomenologie, wie er sie in den frühen 1900er Jahren formulierte, wendet sich „den Dingen selbst“ zu, der Welt, wie sie in ihrer gefühlten Unmittelbarkeit erlebt wird. Die Phänomenologie versucht nicht, die Welt zu erklären, sondern die Art und Weise, wie sich die Welt dem Bewusstsein offenbart, so genau wie möglich zu beschreiben - die Art und Weise, wie die Dinge in unserem unmittelbaren, sinnlichen Erleben zuerst auftauchen. Sie kehrt auf eine Weise in den selbstverständlichen Bereich der subjektiven Erfahrung zurück, nicht um sie zu erklären, sondern einfach, um auf ihre Rhythmen und Strukturen zu achten, nicht um sie zu erfassen oder zu kontrollieren, sondern einfach, um sich mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen vertraut zu machen - und schließlich, um ihren rätselhaften und sich ständig verändernden Mustern eine Stimme zu geben.