Audiomaterial generieren & hören

Die Poetik des Materials hören

Anfänglich noch mit etwas Zurückhaltung bildeten die Audioaufnahmen mit der Zeit einen zentralen Teil der Landscape Dialogues. Die Aufzeichnungen bilden ein Archiv, ein Fundus an Material und haben ihre eigene Poetik. Beim Hören der Aufnahmen können unterschiedlichste Präsenzen ‘gespürt’ werden. Der Raum, eine Landschaft wird ‘gefühlt’. Multiple Präsenzen können mit ihren vielfältige Einzeltönen wahrgenommen werden. Die von Personen durch ihre Atemgeräusche, die einer Zunge durch ihr Schnalzen, die eines Zweigs durch sein Brechen, die eines Motorrads durch sein Beschleunigen, die eines Tropfens durch das Aufklatschen.  Diese multiplen Präsenzen bilden eine auditive Spur eines prozessualen ‚sich Verlandschaftens‘, eines Gefüges.

«Entangle!» Jahresausstellung 2023 MTR, ZürichOriginalwanderbank mit Hörstationen (editierte Audiofiles verschiedener Walking Dialogues)
«Entangle!» Jahresausstellung 2023 MTR, ZürichOriginalwanderbank mit Hörstationen (editierte Audiofiles verschiedener Walking Dialogues)
es ist kein problem. es ist eine präsenz.

Lappert, Simone. Längst fällige Verwilderung : Gedichte und Gespinste. Zürich: Diogenes, 2022. Print.


Einige Gedanken zum Generieren von Audioaufnahmen in der Forschungspraxis

Wahl des Aufnahmegeräts

Technik ist nicht neutral. Jedes Aufnahmegerät generiert eine Übersetzung. Es hat seine Eigenart. Oder je nach Theorie, eine Handlungsmacht. Eigene Rhythmen. Eigene Vibrationen. Ein technisches Gerät ist ein Aktant*. Wir benutzen ein Aufnahmegerät, das nicht nur auf die Stimme ausgerichtet ist. Da es sich um eine Untersuchung der Relation zu Landschaften handelt, sollen die Umgebungstöne unbedingt in dieser Untersuchung mitschwingen. Der kunstgeschichtliche Schwerpunkt auf dem Visuellen bei Landschaften, soll damit bewusst nicht wiederholt im Fokus stehen. Eine Bildaufnahme soll zweitrangig bleiben.

Judith: Da ich mehr Erfahrung mit dem Audiogerät habe, – es ist „meines“– begann ich jeweils automatisch, die Aufnahmen zu generieren, das Stativ mit dem Gerät zu halten und zu bedienen. Es wuchs ein «Audiogerät-Mensch-Hybrid» (s. Aktant*). Als Teil des «Audiogerät-Mensch-Hybrid» lauschte ich mehr, als dass ich sprach. Eine Weile störte es mich, dass meine Stimme auf den Files weniger präsent ist, als deine (Frédérics).
 
Frédéric: In meiner anderen Arbeitsumgebung warten jeweils alle darauf, dass ich die Gespräche moderiere. Deshalb bin ich von dieser Rolle beeinflusst, wie auch sensibilisiert, was ausgeglichene Redezeiten anbelangt. Manchmal nutze ich dafür sogar die Stoppuhr, was aber nicht immer funktioniert. Ich habe mich in dieser Umgebung auf das Gespräch und den Leitfaden konzentriert. Wurde besser darin, Ähms und Öhms zu vermeiden, zusammenhängende Sätze zu formulieren, aktiv zuzuhören um auf Gesagtes zu reagieren und situativ zu moderieren.
 
Judith: [Ähm]…

Frédéric: [Öhm]…


Auszüge aus Arbeitsgesprächen der Komplizenschaft

Portabilität des Aufnahmegeräts

Das Aufnahmegerät wird jeweils auf einem leichten Stativ mitgetragen. Das lässt eine gute Beweglichkeit während der Aufnahme zu. Die Landschaften, welche für die Landscape Dialogues berührt und durchquert werden, sind vorher nicht bekannt. Mit dem Stativ ist sowohl ein Mittragen, als auch ein Abstellen möglich. Denn manchmal passieren die Gespräche nicht nur im Gehen, sondern involvieren auch einen Ort oder mehrere Punkte, wo keine körperliche Fortbewegung stattfindet, sondern einen Moment (spontan) geruht oder innegehalten wird. s. Bänkli*

Vertieftes und wiederholtes Hinhören

Ein aufgenommenes Gespräch ermöglicht ein wiederholtes Lauschen, ein vertieftes Hinhören. Es erlaubt, im Nachhinein zwischen das Verbalisierte zu hören. Ein Eindruck kann verzögert nochmals bestätigt oder widerlegt werden. Wie bei jeder Übersetzung ist das Potenzial des Missverständnisses nie ganz ausgeschlossen auch bei tiefster und sorgfältigster Auseinandersetzung mit dem Material.

Pausen hören und weiteren Präsenzen lauschen

Zufälle. Brüche. Skizzenhaftes. Rohes. Raues. Das Klappern des Stativs. Knacken. Keuchen. Schnaufen. Rascheln. Atmen. Was das Hinhören, das Verweilen mit dem auditiven Material spannend oder interessant macht, sind die Präsenzen, die gespürt werden können, gerade wenn nicht gesprochen wird.

Das Audioaufnahmegerät als Aktant* in der Praxis

Die Audioaufnahmen könnten bis hin zur schieren Perfektion gedacht werden, noch spezifischer ausgebildete Personen und weitere technische Geräte involviert werden. Artefakte würden immer noch passieren. ‘Neben’geräusche und ‘Störungen’. Und jedes weitere Gerät oder jede weitere Person würde Teil des ‘Untersuchungsapparates’ (karen barad) werden und diesen beeinflussen. Momentan gefällt uns das leichte Gepäck. Ein kleines Gerät soll Teil des Gesprächs werden, ohne allzu hemmend oder sogar ‘furchteinflössend’ zu wirken.

Landscape Dialogue #17 - Transkript
In der Hotellobby Bergwelten Salwideli im Entlebuch mit Caroline
Juni 2024
 

Wir fragen zu Beginn, ob das Gespräch aufgezeichnet werden darf. Unsere Gesprächspartnerin stimmt zu. Das Audiogerät wird ausgepackt. Die äussere Erscheinung des Geräts scheint zu entzücken.

 

Judith: Es hat etwas Insektenhaftes. Ein Käfer.
 

Carolina: Wie heisst es denn? Es hat sicher einen Namen?
 

Judith: Nein, bis jetzt nicht.
 

Carolina: Es ist lustig.

Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn – schon seine Winzigkeit verführt dazu – wie ein Kind. «Wie heisst du denn?» fragt man ihn. «Odradek», sagt er. «Und wo wohnst du?» «Unbestimmter Wohnsitz», sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.


Kafka, Franz, und Anaconda Verlag. Die besten Geschichten. München: Anaconda, 2018/2024. Print. (S. 187)