Die Landscape Dialogues starteten – damals noch nicht unter diesem Namen – mit ersten Untersuchungen in der UNESCO Biosphäre Entlebuch 2022 während eines Seminars im gemeinsamen Studium (MA Transdisziplinarität in den Künsten, Zürcher Hochschule der Künste) und haben sich seither entwickelt und verfeinert. Die partizipative Recherche beinhaltet eine grundsätzlichen Suche nach sinnlich-ästhetischen Landschaftserfahrungen sowie Landscape Dialogues mit Personen, die mit Landschaft als ‘Resource’ arbeiten. Parallel befasst sich die fortlaufende Suche mit der Frage nach der Artikulation, dem Ausdruck und der Aufzeichnung solcher relational-sinnlichen Erfahrungen und der Bedeutung und Resonanz von theoretischen Fragmenten. Im Folgenden werden einige grundsätzlichen Punkte dieser Suche erläutert.
Was ist Landschaft? Wer nähert sich welcher Landschaft wie? Wer ist Teil welcher Landschaft?



An Landschaften werden unterschiedlichste Interessen und Vorstellungen geknüpft. Sie sind letztlich das sich stetig verändernde Ergebnis kontinuierlicher Aushandlungsprozesse und Ausdifferenzierungen der verschiedenen Dimensionen (wissenschaftlich, kulturell, ökonomisch, politisch, ökologisch, gesellschaftlich, subjektiv etc.), die auf die Repräsentations- und Bewertungsformen der jeweiligen Landschaften einwirken.
·Wer ist im jeweiligen Landschaftskontext Teil dieses Verhandlungsraums?
·Welche Stimmen und welche Disziplinen werden gehört und sind bestimmend? Welche nicht?
·Welche Diskurse werden berücksichtigt, um eine Landschaft zu bewerten, sie zu definieren?
Diese Initialfragen standen im Zentrum der Recherche zu den Beziehungsformationen von Menschen innerhalb und zu Landschaften. Oder weiter gefasst, von Menschen zu Umwelten. Der Fokus der Recherche gilt der Stimme und dem Stellenwert ästhetischer Praxis im jeweiligen Landschaftskontext sowie im Verhältnis zu den anderen Disziplinen, die im Verhandlungsraum die Repräsentation und den Wert der Landschaft bestimmen. Die Recherche interessiert sich für die Erkenntnisfähigkeit ästhetischer Praxis im Erleben, Wahrnehmen und Beurteilen von Landschaft unter der Prämisse der ästhetisch-sinnlich-affektiven Andersheit und Autonomie einer solchen Praxis gegenüber anderen Denk- und Wissensformen, die z.B. durch wirtschaftliche oder wissenschaftliche Herangehensweisen produziert werden.
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Würde die Verwendung von Landschaft als Singular in eine zu einfache Geschichte münden? Müsste in Anlehnung an die Begriffe natures-cultures* (Bruno Latour, 1991) bzw. naturecultures* (Donna Haraway, 2000) nicht auch Landschaft immer im Plural verwendet werden? LandschaftEN? LandscapeS*?
Der ökologische Diskurs und der Umgang mit Landschaften werfen grössere existenzielle Fragen auf. Was ist die Rolle ästhetischer Erfahrung und Erkenntnis innerhalb dieses Rahmens? Gibt es eine Wirksamkeit ökologisch geprägter oder engagierter Kunst in Bezug auf den Umgang mit der Umwelt?
Wie können Ansätze aus der Theorie und all die Verweise auf die Verbundenheit und die Wirkmächtigkeit (s. Agency*, Aktant*) aller Elemente und Systeme des Planeten in einem Walk, einer Wanderung, einem Spaziergang, einer Bewegung in der Landschaft in eine Praxis eingewoben werden? Das Wälzen und Tragen solch umfassender Fragen weckte in uns eine Skepsis, die uns vielmehr zu einer reduzierten, nuancierten und leisen Recherche rund um die grundlegende Frage ‚Was ist für wen Landschaft?‘ als Ausgangspunkt leitete.
Der Versuch, Aspekte aus theoretischen Perspektiven, aus Konzepten wie der Atmosphäre >Exkurs(-ion), Phänomenologie >Exkurs(-ion), Situiertheit*, Dwelling* und More-than-human agency* in eine Praxis mit Partizipierenden und weiteren menschlichen Akteur:innen zu übersetzen, stellt einen Teil der Recherche dar. Die meisten dieser theoretischen Ideen spielen mit der im ‚Anthropozän-Diskurs‘ oft zitierten möglichen Überwindung der Mensch-Subjekt- und Natur-Objekt-Normativität. Die Fragmente aus solchen Konzepten sind Denkfiguren innerhalb der Recherche und dienen als Grundlage, um die Distanzierung zu Landschaft und der Diskontinuität zwischen betrachtendem Subjekt und Landschaft entgegenzuwirken.
Judith: Vielleicht müssten wir noch genauer definieren, was du und ich mit dieser Subjekt-Objekt-Distanzierung meinen?
Frédéric: Sie bezieht sich auf eine westliche dichotome, dualistische Denklinie, die das Objekt und Subjekt voneinander trennt. Mich treibt die Frage um, wie ich das überwinden kann.
Judith: Ich treffe dieses Denken beispielsweise in den Naturwissenschaften an. Es gibt darin eine durch diese Linie geprägte Erkenntnistradition, die davon ausgeht, dass der Mensch irgendwo ausserhalb eines Untersuchungssettings steht und ‘objektiv’ schauen kann.

Frédéric: Heutzutage wird stärker gefragt und befragt, was bei einer Untersuchungssituation ausserhalb und innerhalb liegt und wer oder was, wem oder was den Platz ‘innen’ oder ‘aussen’ zuweist. Relationale Fäden, Abhängigkeiten, Interdependenzen oder Machtgefälle werden sichtbarer.
Judith: Die Bedeutung von Anderen und Anderem wird greifbarer. Das Sehen diverser und Erkenntnisgewinnung mehr prozessual, als Mit-Werden, verstanden. Für mich tönt das oft hübsch theoretisch geschliffen, doch was heisst das nun in einer Praxis? In unserer Praxis?
Auszüge aus Arbeitsgesprächen der Komplizenschaft
Im Verlauf stellten wir bei den eingeladenen Personen fest, dass dem Distanzierenden auf eigene, individuelle Weise bereits entgegengewirkt wird (s. Konklusiönli*). Es liegt bereits eine Relation vor. Diese Erkenntnis bestärkte die Suche und Sammlung von Beziehungsnarrativen innerhalb von Landschaftskontexten und von Relationalem Wissen >Exkurs(-ion). Der Fokus liegt entsprechend auf den Erzählungen der Menschen zu den Beziehungsformen innerhalb und mit Landschaft, die in ihrem Erleben längst auf komplexere und transformativere Weise über diese normative Vorstellung hinausführen. Die Bewegung, der Transfer, zwischen Theorie und Praxis bleibt in beide Richtungen bestehen und ist Teil weiterer Diskussion (s. >Exkurs(-ion)en, Glossar*).
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Müsste der LandschaftENbegriff an dieser Stelle vom Nomen zum Verb wechseln? Von NomEN zu VerbEN? Zu Wörtern, die Tätigkeiten, Geschehnisse und Vorgänge bezeichnen?
Warum ist die Bewegung in der Landschaft während eines Landscape Dialogues zentral? Spazieren – oder allgemeiner und inklusiver: Bewegung in der Landschaft – ist oft bereits eine etablierte Praxis bei Partizipierenden, welche das Relationale beleuchtet und fördert. Die Frage nach dem Zugangsort zu Landschaft war oft mit einem Weg verbunden. Dies hat sich mit der Zeit als wesentlicher Faktor herausgeschält. Eine Erkenntnis aus ersten Interviews war, dass implizite sinnlich-ästhetische Erfahrungen in einem Gespräch im Gehen besonders gut palpierbar* wurden. Die Bewegung in den Landschaften während dieser Gespräche war wie eine Öffnung, hin zu einem gemeinsamen fragenden und suchenden Vortasten. Dieses gemeinsame Bewegen liess Unsicherheiten, nicht bereits rezitierte und ‘provisorische’ Äusserungen und/oder Beobachtungen zu Nonverbalem zu.
>Exkurs(-ion): Spaziergangspraktiken in Kunst & Wissenschaft
>Exkurs(-ion): Moderierter Dialog als Forschungspraxis
>Exkurs(-ion): Audiomaterial generieren & hören

Die Interviews, die im Sitzen, am Tisch oder am Telefon stattfanden, entwickelten nicht die gleiche Dynamik wie in dem größeren Rahmen des Spaziergangs. Mit dem Spaziergang entstand eine Situation der Vertraulichkeit und Transparenz.
(Auszug aus einer Zusammenfassung der Erkenntnisse nach den ersten Untersuchungen im Entlebuch 2022)
Die Landscape Dialogues experimentieren mit den Möglichkeiten einer ästhetischen Praxis. Sie suchen nicht in erster Linie ein künstlerisches 'Produkt', sondern nach einer Erkundung der sinnlichen Erfahrung. Es steht weniger das ‚Kunstwerk‘ als solches im Fokus, sondern eine sinnlich-ästhetische Landschaftspraxis zu ertasten, erfassen und (weiter) zu entwickeln. Es geht nicht um das Abbilden von Umwelt plus Subjekt, sondern um eine mehr-als-menschliche Begegnung innerhalb eines materiell konkreten Landes, einer physisch konkreten Landschaft (Edouard Glissant). Eine Begegnung, die 'eine Ästhetik der Erde' hervorbringt, die 'eine Poetik der Relation' ermöglicht. >Exkurs(-ion): Relationales Wissen, minor gesture*

Mitchell, W. J. Thomas. Landscape and Power. 2nd ed. Chicago: The University of Chicago Press, 2002. Print.