Über das Reisen entlang mit Mark Twain

In «A Tramp Abroad» (publiziert 1880) schreibt Mark Twain über eine seiner Europareisen. Seine Reisetätigkeit in der Schweiz ist exemplarisch und kann mit der «Erfindung des Tourismus und der Alpen» kontextualisiert werden. Twain gehörte jener zweiten Welle von Reisenden durch Europa an, den bürgerlichen TouristEN des 19. Jahrhunderts, die sich entlang von Zusammenstellungen in Buchform (die ersten ReiseführER) informierten und organisierten. «Reisende hatten, wenn möglich, stets einen solchen FührER zur Hand. Dank IHM wurden sie erst zu wahren TouristEN, die vergleichbare EmotionEN suchten, ähnliche Wünsche hegten und analoge VerhaltensmustER zeigten.»1

Ein untergehender Vollmond an einem Wintermorgen
Ein untergehender Vollmond an einem Wintermorgen

Mark Twain suchte in seinem Buch nach einem Blick von der Rigi auf den alpinen Sonnenaufgang – laut seinem Reiseführer „ein Spektakel“. Aus unterschiedlichen Gründen, mehrheitlich wegen ausgiebigem Verschlafen, sieht Mark Twain während seiner ganzen mehrtätigen Rigibesteigung keinen einzigen Sonnenaufgang. So behauptet er. Die Rigi zu erklimmen dauerte bei ihm über ein Kapitel und länger als drei Tage. Er habe die Verantwortlichen des Reiseführers kontaktiert, damit die darin angegebene Zeit von dreieinhalb Stunden korrigiert werden könne, aber nie eine Antwort bekommen. Twain führt durch sein Buch und seine Beschreibungen mit seinem typischen Humor und einer guten Portion Selbstironie. Er kann es sich als weisser, gutbürgerlicher Mann in Europa in einer saloppen Selbstverständlichkeit leisten, stundenlang rauchend am Fenster zu stehen oder bis weit in den Morgen hinein zu schlafen. Die im Buch zu lesende selbstredende touristische Bewegungsfreiheit und ungezwungen gelebte Gemütlichkeit des 19. Jahrhunderts waren vielleicht etwas weniger elitär als es im 17. Jahrhundert die Grandtours der englischen AristokrateEN waren. Doch bei weitem nicht für alle erreichbar. Wer reist heutzutage? Wer sucht heute diese ‘vergleichbaren Emotionen, ähnlichen Wünsche und analogen Verhaltensmuster’? Während für manche reisen Migration und existenzielle ‘Abenteuer’ bedeutet, ist für viele ‘das Reisen’ machbar geworden, ein Vergnügen, das teils immer noch als bildend verstanden und legitimiert wird und sich irgendwo zwischen Freizeitbeschäftigung und Statussymbol ansiedelt. Das Reisen hat sich einerseits für einige ‘demokratisiert’. Gleichzeitig ist dadurch das Phänomen des Massentourismus entstanden.

 

1Historisches Lexikon der Schweiz (mit einer versuchten Genderifizierung)