vermeintlicher Shortcut – Empathie instrumentalisieren

Wie kommt es zur Idee, Empathie zu instrumentalisieren und für welchen Zweck?

 

Dazu ein Beispiel aus Grossbritannien1.

Die Idee der ‘Empathie’ zu einer Art Verkaufskonzept zu etablieren, hat sich zuerst in rein marktwirtschaftlichen Unternehmen etablierte. Dort wurde begonnen, Mitarbeiter*innen zu schulen, Emotionen zu zeigen und diese zu messen. Empathie-Audits sind in vielen Einzelhandelsunternehmen Standard geworden. Von dort fanden die Ideen dahinter, Eingang in den öffentlichen Dienst und speziell in den 2000Jahren ins Gesundheitswesen. ”One NHS (National Health System) policy instructed nurses to smile more.” Der damalige Gesundheitsminister erklärte die Initiative damit, dass die Diskussion einer Arbeitsgruppe ergeben habe, dass sie das Gefühl hätten, Pflegefachpersonal vermittle nicht den Eindruck, sich ausreichend zu kümmern. Sie fanden, dass Pflegepersonal mehr lächeln sollte. Der Gesundheitsminister versprach, dass zukünftig ‘empathic care’ gemessen werde und die Ergebnisse online in einem ‘compassion index’ publiziert werden.

Mit der Überführung der Empathie in eine Art marktwirtschaftliches Verkaufskonzept, wird sich Messbarkeit und Vergleichbarkeit versprochen. Doch diese Quantifizierung ist wohl mit weiteren Bedeutungsverlusten verbunden und kann schliesslich zu leeren Performances führen, wie dem ‘well practised head tilt’, wie es eine Ärztin in Palliativ Care beschreibt. In diesem Prozess der Instrumentalisierung von Empathie entsteht die Anlage für eine Entfremdung, der Person, die das Gefühl bloss performt von ihren wirklichen Gefühlen, aber auch im Umgang mit dem jeweiligen Gegenüber, das ja in diesem Moment bloss Zeuge:in eines theatralischen Akts wird und nicht wirklichen Zugang zu einer Person mit echten Emotionen hat. Doch wäre nicht sowieso ein allgemeines Erwartungsmanagement in Bezug auf menschenbezogene Carearbeit nötig?
 

1Menschenbezogene Carearbeit stecke in der Krise, meint Madeleine Bunting. Sie will das aufzeigen und beschreibt dazu einige konkrete Orte in Grossbritannien. Gleichzeitig setzt sie einige Schlüsselbegriffe in von ihr recherchierte Zusammenhänge, beispielsweise die Empathie. 
Bunting, Madeleine. Labours of Love: The Crisis of Care. London: Granta, 2020. Web.

Pop up

Bunting kommt nach dem Abschweifen über den Prozess der Instrumentalisierung von Empathie zurück zu zwei Fragen, welche im Zusammenhang mit der menschenbezogenen Carearbeit heutzutage aufgeworfen werden. Zwei sehr unterschiedliche Fragen sollen beantwortet werden:

-Wie kann abgeleitet werden, was eine andere Person fühlt?

-Was könnte eine Person dazu bewegen, sich einer anderen zuzuwenden, wenn diese leidet?

 

Doch warum eigentlich diese Fragen im Zusammenhang mit menschenbezogener Carearbeit stellen? Warum werden sie dort verortet? Warum wird v.a. von gewissen Berufsgruppen erwartet, dass sie empathisch sind und handeln und von anderen nicht? Warum nicht gerade von anderen?
 

Wie entstehen wirkliche Bewegungen hin zu einem Gefühl der Verantwortung (response-ability, Donna Haraway) und einer zuwendenden Handlung? Nicht nur innerhalb und gegenüber einer Gesellschaft und zwischen Menschen, sondern auch in Bezug auf die Umgebung, die Landschaft, die Erde?