Durch die Sammlung individueller Landschaftserinnerungen oder gezielte Recherche innerhalb einer Disziplin oder einer definierten Landschaft oder Region wäre auch eine Praxis mit kollektiven Erinnerungskulturen denkbar, also mit Erinnerung verstanden als kulturell und medial geprägt. In Anlehnung an Astrid Erll und ihren Memory Studies könnten gemeinsame Landschaftsnarrative als Speicher kultureller Erinnerung fungieren.
Mit der Leitfrage „Wer/was erinnert mit?“ wird auf die Situiertheit und auf die Bewertung von Landschaft im Verhandlungsraum hingedeutet. Erinnerung wird dann auch zu einer Frage der Macht oder der Präsenz. Wessen Erinnerung wird sichtbar gemacht (in Karten, Schutzverordnungen, Tourismuserzählungen, Marketing-Kampagnen) und welche wird überschrieben? Erinnerung ist auch eine Form von Wissen und ist in den Landscape Dialogues nie eine Erinnerung von ‘nirgendwo’. Sie ist immer leibgebunden, ortsgebunden, disziplinengebunden oder an die Geschichte gelehnt.
Donna Haraway hat in Situated Knowledges den ‘god trick’ beschrieben. Eine Geste, die beabsichtigt, mit einem Blick alles zu sehen und dabei den eigenen Blick (-winkel) unsichtbar zu machen. Auf Erinnerung übertragen, lässt sich festhalten, dass es keine ‘neutrale’ Erinnerung an eine Landschaft gibt. Jede Erinnerung ist partial, perspektivisch, von einer Position getragen. Sie wird objektiver oder umfassender, indem in der Erzählung die Partialität, also Situiertheit, erwähnt und miterzählt wird (>Exkurs(ion): Situiertheit).

Aleida Assmann hat in Erinnerungsräume zwei Modi des kulturellen Gedächtnisses unterschieden, die eine Landschaftserinnerungspraxis mittragen: das Speichergedächtnis, sprich das Archiv, die Spuren, Daten, Schichten, die da sind, ohne aktuell wirksam zu sein. Und das Funktionsgedächtnis, also die ausgewählten, identitätsstiftenden Erzählungen, die eine Gemeinschaft oder eine Region aktiv hochhält. Eine Landschaft trägt beide Gedächtnisse in sich, das Archiv ihrer geologischen, biologischen, sozialen Schichten und die Auswahl an Erzählungen, die ihr ein ‘Gesicht’ geben. In Formen des Vergessens geht Assmann aufs Vergessen nicht als Gegenteil von Erinnerung, sondern als konstitutiver Teil davon, da es unmöglich ist alles zu erinnern, was eine Landschaft trägt.
Die Landscape Dialogues suchen zwischen diesen Ansätzen und Einordnungen oszillierend auch nach den leise summenden oder überschriebenen Erinnerungen an und in Landschaften, im Wissen, dass diese stets eine Auswahl darstellen. (s. Opazität*)