Der Autor Marcel Proust erforschte in “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ die Verbindung zwischen Zeit, Erinnerung und Kunst. Für Proust ist Erinnerung nicht vollständig rekonstruierbar. Was er ‚Wirklichkeit‘ nennt, ist eine bestimmte Beziehung zwischen Empfindungen und Erinnerungen, die erst im Schreiben wiedergefunden wird. Das Thema ist aber nicht die erinnerte Welt, sondern was das Erinnern mit einer Person macht, die sich an einem Ort befindet und erinnert. In seiner Beschreibung der „mémoire involontaire“ entsteht Erinnerung nicht willentlich, sie wird ausgelöst und ist ereignishaft wie auch körperlich, sinnlich, nicht nur kognitiv. Dieser Idee folgend sind Landschaften und damit verbundene Atmosphären (>Exkurs(ion): Atmosphäre) Trigger-Räume für unbeabsichtigte Erinnerungen und können Neulesungen oder Erkenntnisse aktivieren, in denen Erinnerung weniger ein Zugriff auf Vergangenes ist, sondern eher eine Bewegung, ein Prozess, der die Gegenwart verändert. Bei Proust sind Landschaften geografisch nicht stabil, sondern werden durch Erinnerung transformiert, sie werden dichter, zeitlich geschichtet und erscheinen, wie sie erinnert werden.
Marcel Proust (A la recherche du temps perdu)

Erinnern kann als Begriff im Sinne von Verschiebung und Wahrnehmungsübung ausgedehnt werden und spekulative, assoziative Facetten enthalten. Beim Gehen erinnert der Leib früher: das Knie kennt die Steigung, bevor das Auge sie sieht; ein Geruch öffnet einen Sommer, den wir nicht abrufen wollten. Diese leibliche, unwillkürliche Erinnerung ist mit dem atmosphärischen Empfinden verschwistert: Atmosphären* sind auch sedimentierte Erinnerung. Erinnerung wird zu einem Anklang, einem Mit-Schwingen oder Resonanz*. Eine Lichtung erinnert an andere Lichtungen, eine Hecke an Grenzen, ein Abfalleimer an die Reihe der anderen, die wir nicht fotografiert haben, Hänge erinnern Rutschungen, Wurzeln erinnern Brände, Pfade erinnern Schritte. Die Lichtung mag kein Gedächtnis haben. Sie ist, was sie ist, durch das, was sie umgibt und was nicht (mehr) anwesend ist, wie ein Loch, das nicht existieren würde, gäbe es nicht das Feste, das sich darum bildet. Erinnerung wird hier als Begriff ausgedehnt: Vom Abruf in einem Subjekt hin zu einer Mit-Anwesenheit, einer relationalen Form, zwischen Dingen, Körpern, Atmosphären und Landschaften. Eine Landschaft ist was sie ist, durch das, was sie nicht (mehr) ist, aber in ihr mitspricht.

Virginia Woolf versteht Erinnerung auch als kontinuierlichen Strom von Wahrnehmung, Zeit und Bewusstsein, der nicht getrennt von der Gegenwart ist. Erinnerung verschränkt, überlagert und fliesst.
Virginia Woolf (Moments of being)
Landschaften sind bei Woolf durchlässig für die Zeit und Erinnerungen, sind nicht Rückblick, sondern ein Mitlaufen der Zeit im Jetzt.
Virginia Woolf (Mrs Dalloway)
Bei Walter Benjamin werden Erinnerungen nicht als Kontinuität gedacht, sondern als Spuren, als Fragmente, Bilder oder Bruchstücke. Die Spaziergänger:innen lesen in Landschaften und Räumen die Spuren der Zeit und Erinnerungen entstehen im Moment der Begegnung mit etwas. Sie sind Teil einer räumlichen Praxis.
Walter Benjamin (Berliner Chronik)

Als synthetisierender vereinfachender Unterbau für die Aktivierung von Erinnerung innerhalb der Landscape Dialogues liesse sich eine Erinnerungspraxis bei Proust als eruptive, sinnliche und unbeabsichtigte Erfahrung, bei Woolf eher überlagernd und fliessend und bei Benjamin eher fragmentarisch und räumlich skizzieren. Und mit W.G Sebald steht das Gehen an sich, und das damit verbundene, assoziative, nicht lineare Beobachten mit historischen Bezügen, als Erinnerungspraxis und als essayistisches Wandern im Fokus.
W.G. Sebald (The Rings of Saturn)