In den Alpen

Für die Schweiz und die Alpen ist dieser Mythos besonders gut erforscht. Jon Mathieu (Die Alpen: Raum – Kultur – Geschichte, 2015) und Werner Bätzing (Die Alpen: Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft, 2015) zeigen, wie die Alpen seit dem 18. Jahrhundert von einem gefürchteten, unwirtlichen Raum zu einer «Wiege der Freiheit», einem Sehnsuchtsort von Reinheit, Erhabenheit und nationaler Identität umgedeutet wurden – ein Prozess, den Bätzing als Bewegung «zwischen Wildnis und Freizeitpark» beschreibt. Die Erzählungen von Tell, Rütli, Alphirtenromantik und «unberührter» Bergwelt sind selbst historisch gewachsene, politisch wirksame Mythen, keine Beschreibungen eines Zustands. Bernard Debarbieux und Gilles Rudaz weiten diesen Blick in The Mountain: A Political History from the Enlightenment to the Present(2015) komparatistisch aus: «der Berg» als Kategorie wird weltweit unterschiedlich mythisiert und politisch aufgeladen.
 

Ein Vergleich mit aussereuropäischen Bergmythen macht die kulturelle Konstruiertheit des Alpenmythos zusätzlich sichtbar. In den Anden etwa gelten Berge (Apus) in der Quechua- und Aymara-Kosmologie als lebendige, beseelte Wesen, als Schutzgeister und Ahnen, denen Respekt und Gaben (despachos) gebühren. Eine Beziehung zum Berg, die nicht auf Aussicht, Erhabenheit oder Freizeit zielt, sondern auf Reziprozität und Verehrung. Der Kontrast zwischen dem europäischen Alpenmythos (Freiheit, Erhabenheit, Eroberung des Gipfels) und den andinen Apu-Vorstellungen (Berg als Person, als Gegenüber, dem man sich schuldet) zeigt, wie unterschiedlich «Berg» kulturell figuriert werden kann und bietet Anlass, den eigenen Alpen-Blick der Landscape Dialogues zu befragen.

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Wie die Landscape Dialogues zeigen, gibt es persönliche Begegnungen mit Landschaften, mit Bergen, mit 'dem Berg', die trotz lokalen mythischen Aufladungen auf das Relationale hindeuten. Doch bei den tiefverankerten kulturellen Narrativen werden wohl manchmal selbst im vermeintlich Losgelösten Spuren des Eingeschriebenen gefunden.

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On the mountain moments occur at which ‘something moves between me and it’.
Place and mind may interpenetrate until the nature of both are altered. I cannot tell what this movement is, except by recounting it.

Nan Shepard

Mathieu, Jon. Die Alpen: Raum – Kultur – Geschichte. Stuttgart: Reclam, 2015.
Bätzing, Werner. Die Alpen: Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft. 4. Aufl. München: C.H. Beck, 2015.

Debarbieux, Bernard, and Gilles Rudaz. The Mountain: A Political History from the Enlightenment to the Present. Translated by Jane Marie Todd. Chicago: University of Chicago Press, 2015.