Gewöhnliches erleben

Wann ist ein Ort? Was ist ein Erlebnis?


Ein Gemeinsamer Ort (lieux-commun) ist demnach ein Ort, an dem ein Gedanke der Welt einen anderen der Welt aufruft und erhellt.
 
Das Imaginäre eines Orts steht in Verbindung zu der vorstellbaren Realität aller Orte auf der Welt und genauso umgekehrt.
 
Was die gemeinsamen Orte verbindet, ist eine wuchernde Wurzel, die dich über die Lichtungen hinausträgt. Eine losgerissene Wurzel, die dich am Ort hält.

 

Glissant, Édouard, und Beate Thill. Philosophie der Weltbeziehung : Poesie der Weite. Heidelberg: Wunderhorn, 2021. Print.

Der Tourismus baut auf der Fernbeziehung zur Landschaft auf. Also wenn ich jetzt sage, mein Blumentopf auf dem Balkon, das ist meine nächste und liebste Natur dann muss ich nirgendwohin reisen.

Landscape Dialogue # - Transkript
Von der ETH Hönggerberg zum Bucheggplatz mit Annemarie Bucher (Kunst- & Landschaftshistorikerin), November 2024

Beobachtung bei Gästen: 1. Frage: Wie ist das Wetter? Und 2. Wann sind wir morgen zurück? Ich sage dann jeweils: Ihr habt das gebucht, ein Erlebnis in den Bergen. 

Ihr habt eine Vorstellung. Wahrscheinlich blauer Himmel und Super Sonnenaufgänge. Aber das wird jetzt nicht der Fall sein.

Seid bereit, das aufzusaugen, was passiert. Auch wenn wir zurück müssten wegen dem Wetter. Das passiert. Das können wir nicht beeinflussen. Oder wenn es jemandem nicht gut geht und man deswegen umkehren muss. 

Doch das macht etwas mit deinen Vorstellungen. Denn die waren damit verbunden, auf den Gipfel zu gehen, und von dort den Tiefblick ins Tal zu haben, wie du es sonst nirgends hast. Und dann geht das nicht.

Bereit sein. Da sein. Jetzt bin ich hier. Bereit sein für die Erlebnisse, die kommen. 
 

Landscape Dialogue #16 - Transkript
Moorweg auf dem Sörenberg mit Martin Vogel (Bergführer, Bereichsleiter Bergbahn Sörenberg), Juni 2024


Wie ein Ereignis nicht erleben?

plakata3rigiblick.jpg

Carolina: Ich bin mit Haut und Haaren und einer grossen Leidenschaft Jägerin. Ich beschreibe euch eine Situation: Du sitzt an einem Morgen. Du warst durch Schnee gewatet und es war mühsam und: «Wäh!» Deine Füsse sind nass. Und du hast kalt. Und dann geht die Sonne auf. Du sitzt weiter auf deinem Sitz. Es beginnt zu tropfen. Und ich weiss nicht, was dir Besseres im Leben passieren kann. Völlige Stille. Völlige Ruhe. Langsam wird es ein bisschen wärmer. Du merkst, was mit dir selbst passiert. Das ist das Beste. Und es ist mir egal, wo ich bin. Es ist immer gleich. (Liebe Marina, wir benötigen dein Decompressionchamber nicht! Anm. der Transkriptorin). Und 

diese Möglichkeit haben, sitzen, lauschen, schauen. Und dich völlig auf die Landschaft und dich selbst zu konzentrieren. 

Das ist das Beste. 

Ich durfte schon zuschauen, wie ein Ameisenhaufen umzog. Von einem Ort zum anderen. Genau auf meiner Augenhöhe.

Ich hatte da einen tiefen Bodensitz. Das ist besser als jeder Kinofilm. Besser als alles andere. Einfach zuschauen. Was machen die eigentlich? Bis ich überhaupt realisierte, was hier passiert.
 

Landscape Dialogue #17 - Transkript
In der Hotellobby Bergwelten Salwideli im Entlebuch mit Carolina Rüegg (Pächterin Salwideli, Präsidentin "Freunde der Biosphäre Entlebuch", früher Tourismusdirektorin Sörenberg), Juni 2024

Pop up

Nikolaj Schultz plädiert für einen «neuen Existenzialismus, der Licht in die Nuancen unserer irdischen Bedingtheit bringt. Im Zeitalter des Anthropozäns zerspringt der bisherige existenzielle Kompass des Menschen in tausend Stücke» und bezieht sich nicht nur auf die notwendigen Sensibilitäten für die Neubeschreibungen nichtmenschlicher Wesen, sondern auch auf das Defizit der Empfindungsfähigkeit uns selbst gegenüber. Die Konfrontation mit unserer neuen irdischen-anthropozentrischen Bedingtheit führt nicht nur dazu, sensibler für andere Lebensformen zu werden, sondern auch sich unserem eigenen Sein zu stellen.
 

Nikolaj Schultz, Ein neuer Existenzialismus, Philosophie Magazin Sonderausgabe, Impulse 2025 (Nikolaj Schultz war einer der engsten Mitarbeiter von Bruno Latour)


Postkarte Matterhorn Vorderseite

kartematterhornvorneweb.jpg

Es gibt keine Landschaft, die nicht auch dunkel wäre hinter ihren einladenden Transparenzen, wenn du sie endlos ansprichst.


Édouard Glissant, Das Denken von der Opazität der Welt

Denise: Wenn du mit allen Sinnen unterwegs bist, dann bist du verknüpft mit dir und deinem Sein aber auch mit dem Aussen. 

Dieser Austausch, dieses Schwammige, wie du vorher gesagt hast, wenn dieser Punkt entsteht vom geben und nehmen, oder? Ich weiss nicht, wie man es genau in Worte fassen kann. Ist dann, wenn ich eigentlich möglichst bewegungslos bin. Und mich mal auf eine kleine Fläche konzentriere.

Ich kann mich erinnern, ich war letztes Jahr still im Garten. Abends. Ich sah nichts mehr. Meine Stirnlampe, hatte ich nicht gefunden, um Schnecken zu sammeln. So war ich still im Garten.

Und da hörte ich wie eine Schnecke kaut. [lacht] Ich hätte laut herausgelacht, wenn mir vor zwanzig Jahren jemand gesagt hätte: «Denise, du stehst einmal abends um 22h im Garten und hörst die Schnecken essen.»

 

Landscape Dialogue # - Transkript
Naturgarten eines Ferienhauses im Entlebuch mit Denise Baumann (Managerin des Ferienhauses), Juni 2024

Sound

Landscape Dialogue #14 - editiertes Audiofile
Naturgarten eines Ferienhauses im Entlebuch mit Denise Baumann (Managerin des Ferienhauses)
Juni 2024

Was hast du gesehen (erlebt), das nicht fotografierbar war?
[rhythmic steps, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step]

Uhh. 

[step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step]

Too much philosophy. 

[step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step, step]

 

Landscape Dialogue #15 – Transkript
Marbachegg im Entlebuch mit Joan Cuadrench (Marketing Marbachegg Sportbahnen), Juni 2024