ein Waldstück
 

palpieren

Wie wird heute gerodet? Was bedeutet der Wald?
Bruno, ein Förster, nimmt uns mit auf einen Landscape Dialogue durch ein Waldstück an einem steilen Nordhang. Ein alter Wald, in dem vor kurzem ein Holzschlag durchgeführt wurde. Bruno sieht den Wald zum ersten Mal nach dem Schlag.


Landscape Dialogue #13 -Transkirpt
Waldstück im Entlebuch mit Bruno Blum
Juni 2024

Frédéric Gibt es in diesem Wald einen Baum, den du dir besonders merken kannst?
 

Bruno Nein, also eher dort oben, aber diese sind natürlich… [Kopf dreht sich von Mikrophon ab – Stimme wird leiser – bricht plötzlich ab – Schritte – Knacken des Unterholzes – rhythmisch – langsam – schneller werdend – leises Räuspern aus der Ferne] Die hatte ich immer ein bisschen. [leise Stimme aus der Ferne – schnelles Voranschreiten] Ich ging eigentlich immer ein bisschen zu diesen hin. Weil sie sind… [Stimme – bleibt leise – brechende Zweige – raschelnde Blätter – hastiges Schreiten – Schnaufen – rhythmisches Klopfen – dumpfes Schlagen – vereinzelt – plötzlich (Störgeräusch)] Weil die, welche ich…, die waren eigentlich... [leise Stimme aus der Ferne – unterbricht – mehrmals] …markiert. Also ich nehme jetzt nicht an, dass sie… [Sprechen wird schneller – Stimme hebt sich – eine Frage? – Redepause] …einen solchen gefällt hätten. [Stimme – hallt dunkel – eine Antwort? – Redepause] …die dort vorne. Die Gruppe da vorne.

Frédéric Zu diesen bist du meistens gegangen? [Keuchen]
 

Bruno Ja, das war eigentlich meine Gruppe. Und es war wirklich eine Gruppe für sich. Man hatte mehr oder weniger jeden von diesen markiert. [Stimme weiter leise – wird dynamisch in Volumen und Rhythmus – bebend – emotional – schwere Atmung – Knacken und Rascheln setzt sich fort – Redepausen] …also es hat hier schon noch… [Stimme aus der Ferne – Bruch – kurzes Schweigen – anhaltendes Knacken] …also ich sage jetzt mal dieser hier. Da kann man sagen… [entfernte Stimme wird sukzessive lauter] …das war jetzt einer der grösseren. Und auch so ein bisschen ein imposanter. [Kopf dreht sich dem Mikrophon zu – Stimme im mittleren Gesprächsvolumen – Schritte verstummen – Knacken stoppt] Aber, allgemein hier… [Stimme unterbricht sich – begleitet von lautem Schnaufen] …diese Gruppe. So ein bisschen der Ältestenrat dieses Waldes. [Lachen – erleichtert – verschmitzt – Vogelgezwitscher – leises Kreischen einer Motorsäge aus der Ferne]

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Nochmals. Zwischen den Zeilen. Lesen. Hören. Spekulieren.

Bruno Nein, also eher dort oben, aber diese sind natürlich… [Kopf dreht sich von Mikrophon ab – Stimme wird leiser – bricht plötzlich ab – Schritte – Knacken des Unterholzes – rhythmisch – langsam – schneller werdend – leises Räuspern aus der Ferne]

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Noch während des Sprechens hat sich Bruno vom Mikrophon abgewendet. Seine Aufmerksamkeit wendet sich etwas anderem zu. Wie wenn ein unsichtbarer Faden in eine bestimmte Richtung zieht. Dort oben. Der Körper folgt einer subtilen Animation. Ich ging eigentlich immer ein bisschen zu diesen hin Bruno drückt mit dem immer ein bisschen aus, dass es sich nicht um ein einmaliges Aufsuchen handelt. Er erkennt die Gruppe. Er kennt sie. Steigt intermittierend zu den dort oben verwurzelten Bäumen hoch. Besucht sie.

Bruno Weil die, welche ich…, die waren eigentlich... [leise Stimme aus der Ferne – unterbricht – mehrmals] …markiert. Also ich nehme jetzt nicht an, dass sie… [Sprechen wird schneller – Stimme hebt sich – eine Frage? – Redepause]

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Im schneller werdenden Gehen wird eine gewisse Dringlichkeit spürbar. Darauf wird das Sprechen schneller. Wie wenn eine Ahnung gepflanzt wurde und jetzt langsam wächst. Eine Annahme wird negativ geäussert. Ich nehme nicht an. Nicht annehmen. Nicht entgegennehmen. Es nicht in Empfang nehmen wollen. Die Ahnung wird grösser und lauter. Sie ist durch die sich hebende Stimme als Frage formuliert, verweilt kurz auf dieser Höhe, wie auf der Gist einer Welle und stürzt dann in die Tiefe, ins Tal, verhallt durch den Abbruch in der Mitte des Satzes in der Leere. In einer stummen Pause. Also ich nehme jetzt nicht an, dass sie…

Ein Raum öffnet sich. Gefüllt mit Unausgesprochenem. Ein Raum der Spannung. Der Schwebe. Zwischen ängstlicher Sorge und vibrierender Hoffnung. Ein Zwischenraum.
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Was in diesem Zwischenraum unausgesprochen flirrt, ist der Nachhall von Dialogfetzen. Sie bildeten sich im Vorfeld, entlang des steilen Anstiegs. Vom Eintritt ins Waldstück, unten beim Weg, dem ersten Sichten nach dem unvorhergesehenen Holzschlag, bis zum Treffen der bekannten Baumriesen, des «Ältestenrates» am oberen Ende des Stücks. Sie bildeten sich auf dem Untergrund voller feuchter Erde, Äste, Zweige, Rinden, Blätter, Nadeln, Moose. Löchrig. Matschig. Rutschig. Voller Stolperfallen und Unebenheiten. Eine Grundlage für verhandelnde, nachdenkende Bewegungen. Für ein pendelndes Zwiegespräch.

Bruno artikulierte entlang des steilen Anstiegs durch die Bäume verschiedene Gedanken zur Bedeutung dieses spezifischen Waldstücks

Es ist ein alter, naturnaher Wald. Mit viel moderigem Totholz. Stehendes und Liegendes. Mit Düften. Farben. Luft. Eine Landschaft voller skulpturaler Vielfalt. Ein krummer Baum hat allerdings rein ökonomisch gesehen einen geringeren Wert als ein gerade gewachsener.

Dieser Wald ist durchsetzt mit diesen imposanten Baumriesen. Er hätte so belassen werden können. Doch die mächtigen Bäume geben schnell viel Kubik und somit einen guten Erlös. Je älter der Baum, desto grobfaltiger wird die Rinde. Sie ist durchsetzt mit Spalten und Rissen. In die Jahre gekommene Borken sind für viele Lebewesen wertvoll und ökologisch interessant. Ausserdem wird ihre Textur für unsere Hände eine haptische Erfahrung.

Früher wurde gesagt, dass die ärmsten Leute, den schönsten Wald hätten. Der Wald war für sie wie ein Sparbuch. Musste eine Anschaffung getätigt werden, wurde jeweils ein individueller Baum gefällt, dessen Erlös für die Extraausgaben reichte. Die Bäume fielen einzeln und über eine Dauer verteilt. So fanden sich in den Waldstücken auf kleinstem Grund Bäume unterschiedlichsten Alters. Ein solcher Wald wird Plänterwald genannt. Doch seither ist der Ertrag aus Holzgeschäften eher am Sinken. Ein einzelner Baum würde wohl nicht mehr reichen.

Dieser Wald liegt in einem steilen, unwegsamen Gelände. Ein Holzschlag kann gefährlich werden. Doch heutzutage gibt es andere Techniken. Es wird an solchen Stellen effizient mit einer Seilbahn gearbeitet. Hier in diesem alten Wald wurde viel, vielleicht etwas zu viel abgeholzt. Allerdings reicht es an einem solchen steilen Nordhang nicht, ein kleines Loch zu schlagen, damit eine Verjüngung passiert. Es benötigt eine grössere Lücke, damit genügend Licht und Wärme den Boden erreicht, damit Neues wächst und erstarkt.

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Dieser Schlag sieht aus wie eine Verletzung. Eine Wunde. Dann ist das aber meistens so, wenn der Schlag noch frisch ist. In zwei, drei Jahren ist bereits wieder Neues gewachsen und es wird wieder anders wirken. Trotzdem sollte manchmal mehr Zeit genommen werden, Altes öfters besucht werden. Plötzlich verschwindet es unwiderrufbar. Wie ein Mensch. Es kann grundsätzlich nichts dagegengehalten werden. Der Schlag befindet sich immer noch im Rahmen der kantonalen Vorgaben. Gleichzeitig ist es ein Verlust. Doch damit muss ein Revierförster leben können.

Facts & Figures
 
Grundeigentümmer:innen von Wald sind im Kanton Luzern genossenschaftlich organisiert und werden durch Quartierförster:innen vertreten. Sie verdienen an einem Holzschlag mit.
 
Revierförster:innen sind u.a. zuständig für die Umsetzung von kantonalen Gesetzesvorlagen. Sie sind somit beteiligt am Markieren der Bäume im Rahmen eines kantonalen Förderprogramms für alte Bäume. Entscheiden sich Privatbesitzer:innen für einen Schlag, müssen sowieso immer einige Bäume stehen belassen werden. Bei der Beteiligung am Förderprogramm wird für jeden bezeichneten Baum eine Entschädigung ausbezahlt.