Spaziergangspraktiken in Kunst & Wissenschaft

Als Forschungsmethode hat das Gehen eine vielfältige und umfangreiche Geschichte in den Sozial- und Geisteswissenschaften, die eine Forschung unterstreicht, die situiert, relational und materiell ist. Ausgehend von der Bedeutung des Ortes, der sensorischen Untersuchung, der Verkörperung und des Rhythmus in der Gehforschung integrieren wir das Gehen, als Rahmen wie auch als Vehikel für den Dialog. In unserer Recherche ist das Gehen 'Mittel-zum-Zweck' sozusagen, und kreiert das Setting für den Dialog. Gerade so gut ist ein 'inklusiveres', beispielsweise hybrideres sich-in-Landschaften-bewegen, denkbar. Über die gemeinsame Bewegung nähern wir uns einer temporären Vertrautheit und den Schwerpunkten des Dialogs.

Was der 'Walk' im Rahmen unseres Projekts alles sein kann, welche Potenziale er bietet, haben wir verschiedentlich diskutiert, hier auf diesem «DenkDiskussionsDiagramm» dargestellt. Die Praxis der Landscape Dialogues sehen wir als einen Prozess, der Wissen und andere Formen von Wissen thematisiert und produziert. 
Was der 'Walk' im Rahmen unseres Projekts alles sein kann, welche Potenziale er bietet, haben wir verschiedentlich diskutiert, hier auf diesem «DenkDiskussionsDiagramm» dargestellt. Die Praxis der Landscape Dialogues sehen wir als einen Prozess, der Wissen und andere Formen von Wissen thematisiert und produziert. 

Das Thema Gehen dreht sich in gewisser Weise darum, wie wir allgemeine Handlungen mit spezifischen Bedeutungen ausgestalten. Wie Essen und Atmen auch, kann Gehen mit verschiedenen kulturellen Bedeutungen aufgeladen werden, die sich vom Erotischen bis zum Spirituellen, vom Revolutionären bis zu Künstlerischen erstrecken. Und damit fügt sich diese Geschichte ein in die Geschichte der Ideen und der Kultur, in die Geschichte dessen, auf welche Art von Vergnügungen, von Freiheit und von Sinn es verschiedene Arten des Gehens und verschiedene Fussgänger:innen zu verschiedenen Zeiten abgesehen hatten und haben.

Solnit, Rebecca, und Daniel Fastner. Wanderlust : eine Geschichte des Gehens. Erste Auflage. Berlin: Matthes & Seitz, 2019. Print.S8


Das Gehen als Methode und Methodik

Das Gehen als Methode und Methodik in der qualitativen Forschung wird durch unterschiedliche und vielfältige Ansätze praktiziert und theoretisiert.

Beispiele dafür sind Rebecca Solnits Erörterung der Beziehung des Gehens zu Freizeit und Landschaft, verschiedene Ansätze zur Erforschung der menschlichen Erfahrung und des Wissens über die natürliche Umwelt oder die Erforschung der Gestaltung von Orten und Räumen durch Tim Ingold.

Es gibt nebst vielen anderen Kategorien und Unterkategorien auch Darstellungen und Berichte des Gehens zum Kartieren, Schreiben und Denken.
 

In ethnographischen Methoden wurde das Gehen durch das „Mit-Gehen“ oder das Geh-Interview genutzt, um die Art und Weise zu erkennen, wie gelebte Erfahrungen, Wahrnehmung und Bedeutungsgebung durch den Ort und räumliche Praktiken des Soziologischen strukturiert werden.
 

In der Kunst findet das Gehen sowohl als individuelle Ästhetik als auch als relationale und sozial engagierte Praxis Verbreitung. Auch in der Sensory Enthnography und im Feminismus haben sich Forscher:innen, die sich mit der Politik des Ortes und den Ideologien und Praktiken befassen, die Körper in Bewegung regieren und einschränken, mit dem Gehen beschäftigt.


Gehen in einer Mehr-als-menschlichen-Welt

In den Landscape Dialogues geht es weniger um die komplette Auflösung der Opposition von Subjekt und Objekt, sondern vielmehr, um Zugänge in der Praxis zu finden, die eine Anerkennung der Lebendigkeit der Materie, die dem Bewusstsein und vielleicht sogar der körperlichen Wahrnehmung vorausgehen, die auf die kausalen Wirksamkeiten zugeht. In diese Art von Untersuchung wird auch das Spekulative, das Imaginäre und Experimentelle eingebunden. Auch diese Denkfiguren wandern mit uns mit, um eine Scharnierfunktion zwischen Ästhetik, Theorie und Praxis in der experimentellen Recherche zu finden.

Die Theorien und Dimensionen zu Methoden des Gehens in einer Mehr-als-menschlichen-Welt sind vielfältig und bieten Ansätze, um sich an bisherigen Methoden des Gehens zu reiben (wie z.B. New Materialism, Posthumanismus (siehe Exkurs(ion), Affect Theorie, Trans and Queer Theory, Indigenous Theories und andere). Wir sind teilweise durch diese theoretischen Felder spaziert und haben uns mit den andauernden Fragen nach menschlichen und nicht-menschlichen Verstrickungen stets auf die praktische ‘Übersetzbarkeit’ hin auseinandergesetzt.

Further Adventures in Deep Canine Topography: Experiments in Canine Soundscapes. Attending to Rhythm and RepetitionO’Brien and O’Brien, 2020-2023
https://www.researchcatalogue.net/shared/b13c5fa83b84022ce165a3d94ca7ae27
Further Adventures in Deep Canine Topography: Experiments in Canine Soundscapes. Attending to Rhythm and RepetitionO’Brien and O’Brien, 2020-2023
https://www.researchcatalogue.net/shared/b13c5fa83b84022ce165a3d94ca7ae27

Ein Beispiel eines möglichen Gehens in einer Mehr-als-menschlichen-Welt (Mort-than-human agency*) fanden wir in der ‘Deep canine topography’, einer Erforschung der Navigationsfähigkeiten von Hunden. Als Einladung «der Nase zu folgen» und sich auf eine mehr als menschliche Erkundung von Ort, Raum und Zeit durch sensorische Verflechtung einzulassen. Als Praxis fordert sie auf, «die aufrechte, zweibeinige, augenzentrierte menschliche Sichtweise» aufzugeben und sich auf «vibrierende, chaotische Raum-Zeit-Muster durch Affekt, Immanenz und spielerische Improvisation» einzulassen.

https://www.midlands4cities.ac.uk/student_profile/darren-obrien/ (23.10.24)

> Exkurs(-ion): Posthumanismus

Isabelle Stengers ‘politics of slowness’ und Rosi Braidottis’ ‘becoming earth’ sind weitere Grundlagen zur Entwicklung von möglichen Forschungsmethoden in diese Richtung. In der Anleitung Stengers geht es um ein kollektives Denken ‘in the presence of others’. Für Stengers ist ein Denken in der Präsenz ‘des Anderen’ ein Raum des Zögerns und des Widerstands, der neue Formen der Beziehung hervorbring kann: «We don’t consider ourselves authorized to believe we possess the meaning of what we know, rather it’s about the unpredictability of opening ourselves to possibility». Braidotti vertritt die Ansicht, dass diese Gegenwärtigkeit eine „geozentrische Dimension“ beinhalten muss, die es erforderlich macht, andere Maßstäbe zu berücksichtigen als die, die auf den Menschen ausgerichtet sind, und somit dem ‘human exceptionalism’ entgegenwirkt.

Stephanie Springway & Sarah E. Truman, Walking Methodologies in a More-than-Human-World: Walking Lab, Routledge, 2018

Pop up

More than human: Lee Edelman argumentiert (No Future: Queer Theory and the death drive, 2004), dass es bei der Belebung des Nicht-Menschlichen mit Lebendigkeit nicht darum geht, dessen Anerkennung in der Kategorie des Menschen zu fordern. Daher sollte das Mehr-als-Menschliche nicht zu einem inklusiven Konzept werden, das Körper und Subjekte, die typischerweise außerhalb stehen, in das Gewebe des Menschlichen einbindet. Ebenso darf das Mehr-als-Menschliche nicht einfach die Grenzen zwischen menschlich und nicht-menschlich verwischen, sondern muss als eine Strategie fungieren, die fragt, „wie sich diese Kategorien aneinander reiben und dabei Reibung und Lecks erzeugen“ (Luciano & Chen, Has the Queer ever been human, 2015). Ein ähnliches Argument wird von Karen Barad entwickelt. Sie argumentiert, dass Begriffe wie „menschlich“ und „nicht-menschlich“ nicht als polare Ziele und als Gegebenheiten festgelegt werden können, die durch bestimmte Handlungen in eine moralische Gleichwertigkeit gebracht werden sollen.

Vielmehr, so schreibt sie, „besteht der ‚posthumanistische Punkt‘ nicht darin, ... die Unterscheidungen und Unterschiede zu streichen und den Humanismus nicht einfach umzukehren, sondern vielmehr die materialisierenden Effekte bestimmter Arten der Grenzziehung zwischen ‚Menschen‘ und ‚Nicht-Menschen‘ zu verstehen“. 

Stephanie Springway & Sarah E. Truman, Walking Methodologies in a More-than-Human-World: Walking Lab, Routledge, 2018


Gehen als Sozio-Ästhetisches Instrument

Das Gehen durch Räume wurde in der Promenadologie mit künstlerischen Praktiken verwoben und diente als Instrument für soziologische Untersuchungen von Landschaften. Diese Anwendung zusammen mit dem transdisziplinären, humor- und lustvollen Ansatz hat uns hinsichtlich aktueller und potenzieller Möglichkeiten der Landscape Dialogues inspiriert. Künstlerisch-ästhetische Praktiken, die das Gehen einschliessen, markieren soziale Räume in unterschiedlichen Formen. Der Walking Dialogue versteht sich als einen solchen Raum.

Aufofahrspaziergang, Kassel, 1993 (Foto B. Weisshaar)
Aufofahrspaziergang, Kassel, 1993 (Foto B. Weisshaar)

Das Gehen erreichte durch Annemarie (Künstlerin) und Lucius (Soziologe) Burckhardt eine wissenschaftliche Anerkennung. Sie begründeten zusammen die Spaziergangswissenschaft. Unter dem Oberbegriff der sogenannten Promenadologie bündelten sie alle ihre Forschungsinteressen. Die Promenandologie erwies sich als nützliches Instrument, um verborgene Aspekte der vom Menschen geschaffenen Umwelt sichtbar zu machen und herkömmliche Wahrnehmungsweisen zu hinterfragen. Das Gehen wurde dabei oft zum künstlerischen, performativen Akt, zum interessanten Experiment in den Seminaren und sollte helfen, festgefahrene Wahrnehmungsmuster von Landschaft neu zu beurteilen.

Im Gehen werden Raum und Zeit verhandelt und durch die Handlung konstituiert. Das Gehen kann zu Individuellen Kartografien, zu individuellen Koordinatensystemen führen, durch die der oder die Gehende mit der Umgebung verbunden, geführt und gelenkt wird. 

Unter den sichtbaren Wegen liegen unsichtbare Wege, vergangene oder unzugängliche, verwachsene oder überschriebene Wege, manche Wege werden freigelegt, andere verschwinden, Schicht für Schicht lagern sich Geschichten ab und müssen nacherzählt werden, um lebendig zu bleiben.

Mit den Landscape Dialogues wird einzelnen Kartografien oder Koordinatensystemen nachgespürt.


Gehen als Kunst, als Protest, als Micro-Akt des poetischen Widerstands

Insbesondere während den Landscape Dialogues die in oder an den Rändern von urbanen Räumen durchgeführt wurde, streiften die Gespräche Möglichkeiten, welche Landschaften bieten, um sich darin ‚frei‘ bewegen zu können. Zu driften, sich zu verlieren. Welche Bedingungen für wen vorhanden sind, geschaffen wurden oder geschaffen werden müssten, ist nicht das eigentliche Thema der Walking Dialogues. Etwas davon klang in manchen Aussagen jedoch mit. Teils wurden feministische Praktiken erwähnt. Insofern bildet sich etwas von diesem Gehen als Protest, als Micro-Akt des poetischen Widerstands oder einfach als praktizierte Verteidigung des öffentlichen Raums auf ganz kleiner Skala in den Landscape Dialogues ab. Gehen als gezielte ästhetisch-künstlerische Praxis stellt oft Konditionierungen und vorgegebene Konzept des Welterfahrens in Frage und lädt dazu ein, die durch das Gehen entstandenen Narrative und ev. Konzepte zu teilen. Mit den Walking Dialogues werden einzelne Linien in ‚die Karte‘ aufgenommen, die von Umwelten erzählen, welche durchs Prisma der individuellen Bedeutungen gedeutet sind.

Ob wir nun ortsspezifische oder virtuelle Wanderungen unternehmen, feministische Flaniermeilen oder digitale Dérives, und ob wir dem Zuhören oder dem Schauen, dem Tag oder der Nacht, dem Städtischen oder dem Ländlichen, der Vorplanung oder dem Spiel, dem Alleinsein oder dem Spazierengehen mit anderen den Vorzug geben, durch die Praktiken des Gehens können wir uns selbst, das, was wir machen, und die Landschaften/Umgebungen, durch die wir spazieren, verändern. Als Forschungsmethode kann das Gehen genutzt werden, um den Akt des Gehens, den Weg, die Umgebung oder die Ereignisse, die sich während dieser Praxis entfalten, auf kreative Weise durchzuführen und/oder zu dokumentieren.


ASCA’s Walking as Research Practice (WARP) Research Group

Das Aufkommen der LandArt hat Positionen hervorgerbacht, die sich spazierend mit Landschaften beschäftigen. Damit regten sie an, Landschaften anders medial zu denken und rüttelten indirekt am Blick auf Landschaften. Die einen frühen Arbeiten schienen dabei eine klare Linie zu verfolgen (Straight Line, Richard Long, 1967) und mit Landschaften effektiv Skulpturen bilden zu wollen. Während andere den Walk selbst als Werk erklärten und alles andere nur als Beweise (Hamish Fulton). Long und Fulton haben sich früh und über lange Zeit mit dem Gehen als Kunst oder Teil davon auseinandergesetzt. Jüngere Positionen verbinden das Gehen zusätzlich mit teils bereits genannten weiteren Diskursfeldern und Strömungen

Mona Hatoum, Strassenperformance in Brixton für die Ausstellung «Roadworks», Brixton Artists Collective, 1985
Mona Hatoum, Strassenperformance in Brixton für die Ausstellung «Roadworks», Brixton Artists Collective, 1985
Francis Alÿs, The Collector, Mexico City 1991-2006. In Kollaberation mit Felipe Sanabria
Francis Alÿs, The Collector, Mexico City 1991-2006. In Kollaberation mit Felipe Sanabria
Es sind manchmal leise manchmal laute Gesten, die eine 'Zweibeinigkeit' in den Vordergrund stellen, die daran erinnert, dass sie die Grundlage der Menschheit ist, auch wenn technische Fortbewegungsmittel wie das E-Trottinette oder das Flugzeug dies vergessen machen. Gleichzeitig ist 'Zweibeinigkeit' keine Selbstverständlichkeit.