Ines: Du sagst, du verlierst dich in der Baumkrone. Irgendwie denke ich schon, dass dies eine Art des Eingeübt-Seins ist. Allein schon, dass du der Baumkrone eine Aufmerksamkeit schenkst. Dass du darunter stehen bleibst. Dass du visuell Eindrücke sammelst, auditiv. Das hat natürlich eingeübte Praktiken in sich und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass es noch stärke eine Erkenntnispraxis ist, eine intentionale. Im Gegensatz zu implizitem Wissen, das sehr alltäglich habitualisiert ist.
Frédéric: Es ist oft der Einstieg. Von dort starte ich. Der Wunsch wäre, das hinter mir zu lassen.
Ines: Ich verstehe den Wunsch. Die Relevanz, rationalimuskritisch, ökologisch, postkolonial usw. Ich bin mir nicht sicher. Aber vielleicht ist die Frage wie. Vielleicht ist Glissant ein Beispiel als jemand, der das kann. Ich hätte eigentlich den Eindruck, dass wenn du da jenseits bist und in mit dem Baum relational und dem Wind und der Baum mitschwingt und mit bist und ist, dann ist es ein co-kreatives gemeinsames Werden. Dann geht es nicht mehr darum, es in eine Übersetzungsform zu bringen, die an einem anderen Ort, anderen Akteur:innen, also um ein Kommunizieren nach wo anders. Gleichzeitig, eine Poetik, wie Glissant sie formuliert, macht ja im Grunde schon genau das. Und das ist wiederum globalpolitisch und ökologisch wichtig. Weil sonst sind wir immer nur im «Hier und Jetzt». Und diese ganzen planetarischen Relationalitäten sind ja nicht alle ganz hier und jetzt wahrnehmbar. Eine solche Vermittlungsarbeit. Oder auch dieses rationale Wissen um so viele Problemlagen und dennoch habe ich ein Auto, weil es halt zu meinem Arbeitsort damit viel schneller geht. Diese affektiv-körperlich-imaginär-prozessuale Praxis in der Baumkrone, sind so wichtige Lern-Verlernprozesse, die es vielmehr bräuchte, damit dieses Wissen-über andere Wirksamkeiten bekommt.
Frédéric: Diese ganzen theoretischen Zugänge, z.B. Glissant, wie du ihn gerade beschrieben hast, dieses ästhetisch-poetisch-affektive und trotzdem verbindet er es auch immer mit Globalen, mit dem Politischen. Das ist ein Prozess und nicht auf einem dreissigminütigen Spaziergang machbar. Es gibt Limitierungen in der Praxisumsetzung.
Ines: Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass Haraway jemand ist, der das ganz gut gelingt. Natürlich hat auch sie einen ähnlichen Prozess und ihre Texte und ein Denken, das darin steckt. Aber es sind so kleine Alltagsmomente, die sie beschreibt.
Ich liebe diese Szene in diesem Film «Story Telling for Earthly Survival». Sie spricht darin über «Story Telling», die Sozialisierung in ihrer Familie und was für Relationalitäten und wirklichkeitsproduzierende Momente das hat. Irgendwie sagt sie dann so etwas wie: «Wir haben gelernt, dass man nicht…» und dann bellt der Hund und der Satz geht fertig: «…unterbrechen soll.» Und sie wendet sich dann sofort dem Hund zu: «Ja, ich glaub ich bring dich mal zu meinem Partner.» Und «ja, genau, du möchtest auch raus.» Und es ist winzig. Eine winzige Alltagssituation. Und diese kleinen Wahrnehmungsverschiebungen und Reaktionsverschiebungen. Das ist, was sich schon üben lässt, auch wenn wir in einer solchen total engen, rationalisierten, effektivitätslogischen Alltagsnotwendigkeit sind.
Gleichzeitig denke ich, dass diese «In-der-Baumkrone-verlier-Übung» ganz wichtig ist, um das mehr zu lernen.
Judith: Aufgrund meiner Situiertheit denke ich bei relationalen Prozessen oft stark an soziale Konstellationen. Menschenbezogene Sorgearbeit. Meine menschenbezogene Sorgearbeit, mein Praxisalltag, ist oft verbunden mit einer bestimmten Aufmerksamkeit, die hinter eine rein sprachliche Verständigung reicht. Nicht dem ein Ohr zu leihen, was gerade am lautesten schreit, sondern das Unausgesprochene (oder gebellte, in Anlehnung an die Anekdote von Haraway) zu hören. Wie kann ich eine „Expertise für Unterbrechungen“ entwickeln? Ein differenzierteres Verständnis für «Dringlichkeit» und «Wichtigkeit» und den Umgang damit? Auch in Bezug auf Annährungen an Landschaften?
Auszüge aus Arbeitsgesprächen der Komplizenschaft
Frédéric: Für mich ist dann Glissant vielleicht dort am nächsten bei Haraway, wenn er diese Denklinien so kurz, zwar auch etwas abstrakt, skizziert. «Denken der Unvorhersehbarkeit», oder «das Denken des Bebens», das fand ich für unsere Recherche und für die Entwicklung einer Praxis hilfreicher, weder die ganz grossen Exkurse in die Globalität. Weil es einfach einen anderen Zugang ermöglicht. Beispielsweise: O.k., ich denke jetzt «der Spur nach». Das kann auch auf einem Spaziergang passieren.
Ines: Wenn du jetzt sagst, hilfreicher als die Exkurse in die ganze grosse Globalität. Die macht er ja schon. Sowohl örtlich als auch historisch oder in der Verbindung. Aber es bleibt ans Konkrete gebunden. An die materielle, situative Begegnungserfahrung.
Und da finde ich, dass dies in der Gartenarbeit auch manifestiert. Auch diese Ambivalenz. Es geht nicht um eine völlige Entsubjektivierung. Ein völliges sich entmenschlichen. Im Garten schaffst du eine Art von Ordnung weiter hin zu – ich habe das bei Starhawk (Starhawk, Dreaming the Dark, 1982) gelesen, die beschreibt, dass, um Leben zu befördern, am Leben zu halten, anderes getötet werden muss. Das finde ich eine hilfreiche Beschreibung. Weil das passiert die ganze Zeit im Garten. Wenn dieses (theoretische) Denken dann in meinem Kopf ist, ist das auch schwierig. Oder diese ganzen Diskussionen mit den Neophyten. Einerseits ganz komische Diskurse und gleichzeitig ist es einfach so, dass sie für andere Pflanzen und geologische Formationen zerstörerisch sind.
Despret, Vinciane: Inhabiting the Phonocene with Birds in: Latour, Bruno et al. Critical Zones : The Science and Politics of Landing on Earth. Karlsruhe: ZKM Center for Art and Media, 2020. Print.