Relationales Wissen

Auf der Suche nach Ansatzpunkten, wie alternative Wissensformen in Bezug auf Landschaftserfahrung und auf das In-Beziehung-Sein, auf das ‚relaten‘, entstehen und erfasst werden können, liessen wir Aspekte des weiten Felds des relationalen Wissens einfliessen. Diese Denkfiguren begleiten uns, gestalten die Dialoge mit und dienen der Orientierung, um über die Andersheit ästhetischer Landschaftserfahrungen und die kritischen Potenziale des sinnlichen, impliziten Wissens als signifikanter Teil des bestehenden Verhandlungsraums zum Verständnis von Landschaft. Mit jedem Fortschreiten der experimentellen Recherche kehren wir immer wieder zurück, befragen und hinterfragen diese theoretischen Perspektiven in Bezug auf die Landscape Dialogue Praxis. Es ist ein kontinuierlicher, unabgeschlossener Prozess, ein Dialog zwischen Theorie und Praxis, den wir auch zwischen den theoretisch ausgerichteten Seminaren an der ZHdK und einem Walk mit Ines Kleesattel weiterverfolgten. Im Zentrum der experimentellen Recherche steht die Suche nach Verlernprozessen in der Begegnung mit Landschaften und dem Wissen über andere Wirksamkeiten. 

Was ist „Relationales Wissen“ in Kontext der Beziehungen zu und innerhalb von Landschaften und wie kann dieser Ansatz in eine Praxis transferiert werden? Die Idee einer Relationalität, die zu Interaktionen und Beziehungen zu nicht-menschlichen Akteurinnen und Materialien befähigt und andererseits vorherrschende Wissensformen be- und hinterfragt kreist um die Landscape Dialog Recherche. Dieser breit gefasste Ansatz und die damit verbundene Neugierde und das vermutete Potenzial für Verschiebungen wird für die Entwicklung der Methode vertieft. Dabei geht es grundsätzlich um die Frage wie ein solches Wissen überhaupt geschaffen, bewahrt und genutzt werden kann und wie dies individuell auch verschiedenen Situiertheiten heraus praktiziert wird. Das Erkunden der manchmal verführerisch klingenden Theorie durch das Erkunden von Landschaft spielt in der Entwicklung der Methode eine relevante Rolle.

 

Hilfreich waren für unsere Auseinandersetzung mit relationalem Wissen und der Frage nach einer Poetik der Relation für unseren Kontext die Seminare und die Frühjahrsakademie 2023 zum Thema ‘Sich verlandschaften’ sowie eine Reflexion von Christoph Brunner und Ines Kleesattel im ‘Proceedings of the European Society for Aesthetics, Vol. 11, 2019 (Aesthetics of the Earth. Reframing Relational Aesthetics Considering Critical Ecologies).

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Christoph Brunner und Ines Kleesattel nehmen Bezug auf Edouard Glissants Kritik am kolonialen Kapitalismus um sich mit einem „Materialismus der Begegnung“ auseinanderzusetzen, der in der Lage ist, eine Poetik zu begründen, die spezifischen situierten und irdischen, das heißt historisch informierten und materiell aktiven Empfindungsweisen immanent ist. Dabei geht es auch darum, westliche philosophische Diskurse über Ästhetik zu hinterfragen. Der Ansatz sucht nach einer Erweiterung der Konzeption der sinnlichen Erfahrung, die nicht mehr so anthropozentrisch bleibt, wie es in den vielen Strängen der ästhetischen Theorie der Fall ist.

Während eine klassische Konzeption der Ästhetik versucht, die sinnliche Erfahrung an das wahrnehmende Subjekt zu binden, ist eine ‚Ästhetik der Erde‘ wie Glissant den Begriff verwendet, eine trans-individuelle, multirelationale Erdgebundenheit, d.h. eine Verstrickung von sinnlichem Material, das an bestimmte Orte gebunden ist und die kapitalistische Wertschöpfung berücksichtigt. Im philosophischen und poetischen Schreiben von Glissant ist es nicht Umwelt-plus-Subjekt, sondern eine mehr-als-menschliche Begegnung innerhalb eines materiell konkreten Landes, die Wahrnehmungserfahrungen ermöglicht und in der eine ‚Poetik der Beziehung‘ Gestalt annehmen kann.

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[By observing landscape] what each hopes to see: [is] the earth emerging from the abyss and thickening before oneself.


Édouard Glissant

Die Herausforderung betrifft die Frage wie wir uns einem ‚Materialismus der Begegnung‘ annähern, der weder die ‚Materie als soziales Agent anthropomorphisiert‘ noch die Differenzen leugnet, die der materialistischen (irdischen) Erfahrungen innewohnen und unsere Vorstellung vom Sozialen verändert, um sie ins mehr-als-menschliche zu führen.

Glissant schlägt eine poetische Welterfahrung mit und durch Landschaft vor, die sich aus der Landschaft heraus entfaltet. Er ist die Vorstellung eines Welterleben als Werden mit, oder Ko-Emergenz, an, und nicht eines wahrnehmenden Subjekts und eines wahrgenommenen Objekts. Seine Poetik der Beziehung strebt nach einer Ästhetik der Erde, die die imperative „triumphierende Stimme“ der westlichen systematischen Wissenschaft und des abstrakten Denkens unterbricht, und sieht stattdessen erdgebundene materielle Begegnungen als einem Beziehungsgeflecht, aus dem neue spekulative Weltbilder entstehen können.

 

It matters what matters we use to think other matters with; it matters what stories we tell to tell other stories with; it matters what knots knot knots, what thoughts think thoughts, what descriptions describe descriptions, what ties tie ties. It matters what stories make worlds, what worlds make stories.


Donna Haraway

In Bezug auf diese Poetik lassen sich die Ansätze von Donna Haraway und Glissant zusammenführen. Sie sehen in der Poetik das Potenzial eines besseren, d.h. situierten Verständnisses der Welt, einer ästhetischen, epistemischen und ethischen Darstellung, die erdgebunden und unvollständig bleibt und damit der uniformen Globalisierung durch den westlichen Kapitalismus widersteht.

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Nach Haraway gibt es keinen anderen Weg als situierte Erdlinge mit Körpern und partiellen Perspektiven wahrzunehmen, und ästhetisch zu erleben. Erdgebunden zu sein und dadurch verstrickt in spezifische historische und mehr-als-menschliche Materie ist keine fehlerhafte ästhetische Theorie, sondern vielmehr ein Privileg (Donna Haraway, Situated Knowledges, 1988).

[…] Gertrude Stein hat mittendrin mit ihrem Hund geredet, und dies in ihren Text eingefügt, […]

Mayröcker, Friederike. Die kommunizierenden Gefässe. Orig.-Ausg., 1. Aufl. zum 40jährigen Bestehen der Edition Suhrkamp. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003. Print.

Sie assoziiert den Begriff ‘Worlding’ mit einem spekulativen wie auch erd- und multi-spezies-gebundenen Prozess des ‘story telling for earthly survival’. (Titel des Films mit Donna Haraway von Fabrizio Terranova, 2016).

 

Diese ‚irdische Beziehungsästhetik‘ fragt wie ein Modus des Zuhörens und des Begegnens zu schaffen sind, die zu einem ‚Denken in der Präsenz‘ einer materialistischen, verkörperten und situierten Begegnung führen (Isabelle Stengers, The Cosmopolitical Proposal, 2005).

Es ist eine Suche nach Formen des aufmerksamen Zuhörens und des feinfühligen Schreibens, die der Aneignung widersteht. Dabei geht die Suche partiellen Perspektiven und Auseinandersetzungen mit Materialien und Landschaften nach, die eine Poetik der ‚Response-ability‘, wie sie Haraway als ‚Kultivierung der Fähigkeit zu antworten‘ und als Kultivierung, durch die wir uns gegenseitig fähig machen‘ definiert (Haraway/Kenney, Interview Anthropocene, Capitalocene, Chthulucene,’2015, S. 256). ‚Antwortfähige‘ Praktiken der ‚Response-ability‘ und des gegenseitig fähig Machens sind sowohl ethisch als auch ästhetisch, sie ermöglichen Begegnungen, die eine konkrete Situation ausdrücken, während sie jeden Anspruch auf universelle Wahrheit untergraben.

Es sind die spezifischen Details, die historisch und politisch entscheidend sind, meint Glissant. In diesem Sinne widmet sich die Methode der Landscape Dialogues einer andauernden Sammlung von spezifischen Lesedetails mit Verschiebungs- und Verlernpotenzial, innerhalb des multirelationalen Beziehungsgeflechts einer Landschaft.