Atmosphäre

Atmosphären verweisen auf das Unbestimmte und schwer Beschreibbare, auf das fast Unaussprechliche jenseits des rational Denkbaren und Erklärbaren, auf das ästhetisch Relevante. In diesem Ansatz kann Atmosphäre nur dann zum Begriff werden, wenn sie jenseits des vermittelnden Status der Atmosphäre zwischen Subjekt und Objekt, jenseits einer reinen Rezeptionsästhetik ausgewiesen werden kann. Dieses "und", dieses Dazwischen, durch das Umweltqualitäten und -zustände aufeinander bezogen werden, ist Atmosphäre.


Landscape Dialogue #3 - Transkript
Bänkli bei Eschlismatt mit Giulia
Juni 2022

[O-Ton: Brummen von Mähmaschinen, Summen von Insekten]

 

Giulia: Wie vorher unten die Halme, die sich im Wind bewegen. Und wie sie schimmern. Es sind oft Kleinigkeiten.
 

Judith: Kommst du hierher und siehst diese Eindrücke, wie Bilder, die an dich herangetragen werden?
 

Giulia: Das könnte man so sagen.
 

Judith: Lösen diese Bilder etwas aus? Oder suchst du etwas, das diese Bilder auslösen könnte?
 

Giulia:

Das ist unbewusst. Es kann sein, dass es meine aktuelle Stimmung ist, welche das beeinflusst, was ich gerade sehe. Ich weiss es nicht genau, was welches beeinflusst. Es wäre spannend, das zu wissen.



[Pause, nachdenken]
 

Manchmal sticht etwas ins Auge, das ich davor noch nie gesehen hatte. Ob ich es gesucht habe oder nicht, weiss ich nicht.

Judith: Und es trifft vielleicht gerade deine Stimmung?
 

Giulia: Ja… [langgezogen, zögernd]
 

Frédéric: Oder es löst eine Stimmung aus. Das Glitzern im hohen Gras. Oder vorher, das gemähte Feld, das fast silbern oder golden blendet und dann geht man von dort weiter und landet vielleicht bei irgendwelchen Ereignissen vom Leben, oder bei einer Person. Ich versuche das auch, es ist schwierig.
 

Giulia: Ja, es läuft einfach.
 

Judith: Mmhmm [nicht sprachliches Geräusch, zustimmend]
 

Frédéric: Ja, es läuft unbewusst. Wahrscheinlich dieses Zusammenspiel von der Umgebung mit den inneren Befindlichkeiten. Eine äussere Stimmung, die melancholisch ist, kann vielleicht melancholisch auf einen wirken, aber vielleicht bin ich selbst gerade nicht melancholisch. Also gibt es ein neues Gemisch.
 

Giulia: Hmm [nicht sprachliches Geräusch, nachdenkend]
 

Frédéric: Aber es kann auch umgekehrt sein, dass ich selbst melancholisch gestimmt bin, und deshalb wird der friedvollste Sonnenuntergang dennoch melancholisch auf mich wirken.
 

Giulia:

Ja. Es ist wie bei der Musik.


Frédéric: Ja, der Vergleich mit der Musik probiere ich auch immer wieder, wenn ich es nicht deuten kann. Es ist vielleicht eine Symphonie, dann wieder eine Gitarre und ein Singer/Songwriter, der die Seele aus der Brust singt.
 

[alle lachen]


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Das Atmosphärische ist als Phänomen eine Möglichkeit des ästhetischen Zugangs zu Landschaft (Im Konzept von Böhme geht es um das Ästhetische, Naturästhetische durch die Linse der Ökologie). Die Atmosphäre weist auf das Unbestimmte jenseits des rational Ausführbaren, wie wir sinnlich affiziert werden.

Bei Schmitz ist das Konzept der Atmosphäre stärker auf Subjektseite verortet, 'als-ob-Formel'; ein Wald wirkt, als ob er trostspendend sei.

Um ein Verständnis von Atmosphäre auf der Objektseite besser zu erfassen, könne anstatt über die Zuschreibungen des Objekts durch das Subjekt auch gefragt werden, auf welche Art die Präsenz des Objekts wirke. Seine Eigenschaften werden dann nicht als etwas an ihm Haftendes verstanden, sondern als etwas den Raum Tönendes, Färbendes oder «Tingierendes»; es werde dann durch die Weisen gedacht, wie es aus sich heraustrete. Böhme bezeichnet dies als die «Ekstasen des Dinges».

 

Wie artikuliert sich eine durchdringende Verbindung, die die Gedanken, die Empfindungen und das Hinfühlen des Subjekts in die Landschaft aufnehmen, vereinnahmen und die Landschaft gleichzeitig aus sich heraustritt und zurückgespiegelt?

 


Landscape Dialogue #7 - Transkirpt
Seepromenade mit Adriana
März 2023

Adriana: This walk along the lake. It’s a place where I come a lot when I need to think. In the morning. Like not so long ago there was a lot of fog. And I love how...

[dreamily overtone, speech act slowing down]
 

...the scenery changes so much then.
 

[pause, musing]
 

Not only I feel like I’m projecting my feelings on what I am seeing but also the lake or the atmosphere is giving me something or telling me something or transforming my mood.

It’s like a two-way relationship. Not just me projecting onto the lake.
Die Atmosphäre ist die gemeinsame Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen. Sie ist die Wirklichkeit des Wahrgenommenen als Sphäre seiner Anwesenheit und die Wirklichkeit der Wahrnehmenden, insofern sie, die Atmosphäre spürend, in bestimmter Weise leiblich anwesend ist.


Böhme, Gernot. Atmosphäre : Essays zur neuen Ästhetik. 3. Aufl., Erw. Neuaufl. Berlin: Suhrkamp, 2017. Print.

Pop up

Kritik/Fazit: Diese etwas abstrakte Denkfigur half uns am Anfang bei der Gestaltung der Dialoge, richtet sich aber nur auf eine Spur (sinnliches, handlungsentlastendes Empfinden/Wahrnehmen) im Beziehungsgeflecht und in der Konstituierung des Menschsein-in-der-Landschaft.