Destinationen ästhetisieren & Bewegungen lenken

Landschaften werden durch verschiedene Modelle (z.B. UNESCO Biosphäre, Naturschutzorganisationen, Tourismusorganisationen) systemisch Werte zugewiesen. Durch die Einstufung wird zwar der Schutz verstärkt doch auch eine Hierarchie hergestellt und möglicherweise der Produktewert gezielt gesteigert. Wie wird darin gelenkt?


Frédéric: Du hast das Entlebuch bei unserem ersten Gespräch als Park bezeichnet. Dort ist diese Bewertung sehr stark. Das war der Initialmoment unserer Recherche. Hier ist eine Karte des Entlebuchs. Hier sind die wertvollen Spots, die ‘schönen’, für den Tourismus wertvoll. Und das sind die, an welchen wir keine Tourist:innen haben wollen, unsere…
 

Annemarie: Refugien.
 

Frédéric: Refugien. Genau. Und das ist irgendeine Instanz, die das so definiert. Das Entlebuch gilt zwar als ein perfektes Nachhaltigkeitsprojekt, aber schlussendlich stecken doch starke Ökonomisierungsdynamiken dahinter.
 

Annemarie: Hinter diesen Parkkonzepten, die vom Bund lanciert sind, stehen die Ökonomisierung und gleichzeitig auch Schutzbestrebungen. Seit dem 19. Jahrhundert wird die Zerstörung von Natur und Landschaft beklagt. Es gibt den Naturschutz. Es gibt den Heimatschutz.

Es gibt diese Bewegungen, die bewahren wollen. Diese Parks sind aus einem solchen Hintergrund eingerichtet worden. Dass man sie vor diesem Wahnsinnsbaudruck und Verdichtungsdruck schützen will. Das ist das eine. Auf der anderen Seite musst du es auch irgendwie ökonomisch begründen. Und kapitalisieren. Und dann kommt der Tourismus ins Spiel.

[Kurze Gesprächspause. (Zwiespältiges?) Krächzen von Krähen] 

Aber natürlich. Der Tourismus baut auf der Fernbeziehung zur Landschaft auf. Also wenn ich jetzt sage, mein Blumentopf auf dem Balkon, das ist meine nächste und liebste Natur dann muss ich nirgendwohin reisen.
 

Landscape Dialogue # - Transkript
Von der ETH Hönggerberg zum Bucheggplatz mit Annemarie Bucher (Kunst- & Landschaftshistorikerin), November 2024

Pop up 

Ein entscheidender Aspekt des touristischen Blicks ist laut John Urry die Grenzziehung zwischen dem Gewöhnlichen und Aussergewöhnlichen, zwischen Sites und Sights, und der Aura der Unverwechselbarkeit. Diese Aura konstituiert und verändert sich laufend und wird auch von den touristischen Anbietern ‘bearbeitet’. Das Unterfangen, bestimmte Gebiete aufgrund der besonderen ökologischen Qualität zu erhalten, kann die Anziehungskraft für die Besucher:innen derart steigern, dass sie überfüllt und überlastet werden. Gebiete im Berner Oberland beispielsweise, die als besonders aussergewöhnlich gelten, wie Grindelwald oder Lauterbrunnen, versuchen mit Limitierungen und Kontingenten die Kontrolle zu wahren, doch die Nachfrage ist ungebrochen. Gemeinschaftliche systemische Lösungen, die den tiefgreifenden Auswirkungen von Millionen touristischer Entscheidungen verändernd und mildernd entgegenwirken, sind aufgrund der Komplexität und der ökologischen Dilemmata schwierig zu entwickeln.

signaletik2korr.jpg

Carolina: Man kann Personen lenken. Beispielsweise mit inhaltlichen Angaben. Ich bin auch Jägerin. Wenn du nicht fähig bist, in einem ausgeschilderten Schneeschuhtrail zu lenken, dann machst du die Natur im Winter kaputt. 

Die Tiere haben einen enormen Stress. Und alle, die kommen und das Gefühl haben, dass sie jetzt dort durchgehen, wo sie wollen. Das geht einfach nicht. Es muss ein verträgliches Miteinander sein und das kann gelenkt werden.

Landscape Dialogue #17 - Transkript
In der Hotellobby Bergwelten Salwideli im Entlebuch mit Carolina Rüegg (Pächterin Salwideli, Präsidentin "Freunde der Biosphäre Entlebuch", früher Tourismusdirektorin Sörenberg) Juni 2024

leitsystem2wieprivat_zg2.jpg

Martin: Mit Lenken der Tourist:innen kann links und rechts etwas Ruhe bewahrt werden. Das ist die grosse Herausforderung für Orte, wo Overtourismus herrscht. 

Dort wo hingelenkt wurde, ist es übervoll und jetzt beginnt das links und rechts Schauen.

Wir sehen es beim Brienzer Rothorn mit der Dampfzahnradbahn auf der Südseite. Weil das Berner Oberland momentan so voll ist, läuft es dort super. Zehn Jahre davor hatten sie noch gekämpft. 

Die Jungfraubahnen lenken den Gast nicht unbedingt aufs Brienzer Rothorn, aber die Tourist:innen haben es bemerkt, dass es dieses auch noch gibt und auch wunderschön ist.

Und dann wurde es wieder mit Socialmedia beworben. 

Es ist eine grosse Kunst, dass Tourist:innen gelenkt werden können und darin bleiben.

Ich glaube einfach es gibt Orte, die müssen noch etwas bewahrt werden. Für unsere Nachkommen, für uns selbst. Und ich glaube das machen wir hier im Entlebuch wirklich gut.
 

Landscape Dialogue #16 - Transkript
Moorweg auf dem Sörenberg mit Martin Vogel (Bergführer, Bereichsleiter Bergbahn Sörenberg), Juni 2024

privat1zg.jpg

Denise: Ich bin ganz klar für den sanften Tourismus. Für den stillen Tourismus. Für den achtsamen Tourismus. Der nicht so mit «Bam-Momenten» ein Versprechen geben kann. Die meisten Angebote (spricht von touristischen Angeboten der Biosphäre Entlebuch) finde ich mega toll. 

Ich wünschte mir aber, dass es noch vielmehr «ins Feine» gehen kann. Es steht im Gegensatz. Damit verdienst du nicht unbedingt Geld. Es ist ein Spagat.

Unsere Gäste, die wir hier haben, 

die allermeisten schätzen es sehr, dass es ein unaufgeregter Tourismus ist,

dass man selten auf eine Menschenmasse trifft. Dass man nie anstehen (Schlange stehen) muss. Und dass sie auf eigene Faust vieles erkunden können.
 

Landscape Dialogue # - Transkript
Naturgarten eines Ferienhauses im Entlebuch mit Denise Baumann (Managerin des Ferienhauses), Juni 2024

Pop up
 

Wir sind alle ausweglos in der Touristenfalle gefangen.


Es ist äusserst schwierig, Richtlinien umzusetzen, die eine grosse Anzahl an Menschen (Millionen unterschiedlicher Konsumentinnen) dazu bringen, wegen der unerwünschten Folgen für die Umwelt auf Reisen an bestimmte Orte zu verzichten. Sie wissen ja, wie viele andere bereits zu jenen Zielen unterwegs sind. Und sie wissen auch, dass wenn sie noch länger warten, diese Ziele vollkommen zerstört sein könnten, entweder direkt oder eher indirekt durch die Errichtung offensichtlich konstruierter Schauplätze ‘inszenierter Authentizität’.


Geoffrey Wheatcroft. We are All Caught Without Escape in the Tourist trap, in: Daily Telegraph, 1990

Frédéric: Wir haben oft von Erlebnissen gesprochen. Doch was ist ein Erlebnis? Wir haben von Bespassung, von 'Action' und 'Entertainment' gesprochen. Es gibt im Entlebuch viele Angebote, die mehr ins Sinnliche, ins Ästhetische gehen, was uns im persönlichen Erleben von Landschaft interessiert. Können Tourist:innen dort auch «erzogen» werden, oder kommen sie einfach nicht, wenn nur noch sinnliche ‘Sunset-Erlebnisse’ angeboten würden.

 

Carolina: Das finde ich eine kluge Frage. 

Ich glaube es benötigt ein oder zwei Hotspots. Damit du auch gefunden wirst.

 Dass auch eine Presse darüber berichtet. Eine Presse berichtet selten – gut es kommt aufs Medium an – über den Seelensteg. Beispielsweise. Aber ich finde… es ist wirklich eine kluge Frage… du musst ja auch Marketing betreiben. Und Marketing machst du nicht, wenn du ‘nur ‘– ‘nur’ in Anführungs- und Schlusszeichen – so ruhige, schöne und für mich sehr wichtige Angebote hast. Dann kommt dann vielleicht auch nur diese Gastung. Und das aufs ganze Entlebuch verteilt, könnte ‘eine Nase haben’. Es ist so mein Gefühl. 

So ganz ohne geht es nicht.

Was beispielsweise aktuell in die Rothornbahnen investieren wird. Und es geht nicht ohne. Aber es gab Jahre, wo darüber diskutiert wurde, ob es die Rothornbahn noch weiter benötigt. Das liegt viele Jahre zurück. Dieser Meinung bin ich überhaupt nicht. 

Diesen Berg benötigt es. Diesen Berg musst du auch verkaufen. Wenn du ihn nicht verkaufst, kommen deutlich weniger Leute. Solche Pfeiler benötigt es.

 

Landscape Dialogue #17 - Transkript
In der Hotellobby Bergwelten Salwideli im Entlebuch mit Carolina Rüegg (Pächterin Salwideli, Präsidentin "Freunde der Biosphäre Entlebuch", früher Tourismusdirektorin Sörenberg) Juni 2024